17 ︎︎︎ Neunzehn Frauen: Syrerinnen erzählen

Syrien gilt als das Land, aus dem in den letzten Jahren die meisten offiziell anerkannten Geflüchteten nach Deutschland kamen – ein hoffnungslos zerstörtes Land, von dem nichts mehr zu erwarten ist. Aber was wurde aus den Hoffnungen jener, die vor zehn Jahren ihre Ideale und ihr Leben dafür einsetzten, in einem freieren Land zu leben und in diesem Sinn die friedliche syrische Revolution ins Leben riefen? Wie denken sie, zehn Jahre später, an jene Zeit zurück, was ist mit ihren Erfahrungen passiert, wie werden sie gewürdigt und was heißt es, mit dem gewaltvollen Scheitern leben zu müssen?

Im Dialog mit Nir de Volffs BühnenstückCome as you are # 2, das mit Exil-Syrer:innen erarbeitet wurde und im August im DOCK 11 Premiere hatte, haben wir nach weiteren Stimmen von Syrer:innen gesucht, die auf ihre Zeit während der Revolution und danach zurückblicken.

Dafür ist es gelungen, zwei Frauenportraits aus Samar Yazbeks Buch „19 women“ (19 Frauen) übersetzen zu lassen. Um diese geradezu unmenschlich mutigen Schicksale unter Umständen kaum aushaltbarer Brutalität darzustellen, hat die bekannte exil-syrische Autorin viel gewagt und ist teilweise inkognito wieder ins Land eingereist. (aka)


von Samar Yazbek
Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Zein

Mein Pseudonym ist Zein. Ich war zwanzig Jahre alt und studierte Erziehungswissenschaften, als die Revolution begann. Ich ging demonstrieren und zusammen mit den Studenten der medizinischen, der ingenieurswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Aleppo rief ich auf dem Campus Parolen. Ich war damals furchtbar wütend darüber, was mit den Kindern von Deraa passiert war, und über den Mord an Hamza Al-Khatib.[1]

Die ersten Tage der Revolution, als ich auf der Straße schrie: »Syrien will Freiheit!« waren das Tollste, was ich in meinem Leben je erlebt hatte.

Bei der Demonstration »Hayy Al-Furqan« im März 2012 hoben meine demonstrierenden Freunde und ich Plakate mit dem Motta »Hurriyya – Azadi«[2]in die Höhe und forderten die Freilassung der Gefangenen. Da kamen bewaffnete Geheimdienstler und Ordnungskräfte[3]und schlugen mit Elektrostöcken auf uns ein. Wir liefen fort, versteckten uns in den Häusern der Umgebung und riefen: »Das Volk und das Militär sind Brüder!«. Da schossen sie auf uns, und Anas Samo[4]wurde umgebracht. Das war das erste Mal, dass ich sah, wie jemand vor meinen Augen getötet wurde. Danach nahm ich an jeder Demonstration teil, in Bustan Al-Qasr, in Salah Al-Din und in Youssef Al-Daula.[5]Ich komme eigentlich aus dem Viertel Tarik Al-Bab, aber ich habe in meinem Stadtviertel niemals demonstriert, damit niemand mich erkennt und meine Familie belästigt. Zusammen mit uns demonstrierten auch drei Studenten der medizinischen Fakultät, die sich um die Verletzten kümmerten. Sie wurden vom Geheimdienst verhaftet, ihre verbrannten Leichen fand man nach fünfzig Tagen in der Nähe eines Müllcontainers in einer Straße im Al-Zahra-Stadtviertel. Sie hießen Bassim Asslan, Hazim Battikh und Mussab Bard. Man durfte noch nicht einmal Mitgefühl mit den Verletzten zeigen!

Wir führten friedliche und ausdrucksstarke Aktionen durch. Wir verteilten Flugblätter an die Studenten, in denen wir ihnen die Idee von der Revolution erklärten. Nachdem die Leute die Leichen im Quwaig-Fluss[6]gefunden hatten, färbten wir den Fluss aus Protest gegen das Massaker rot. Die Toten waren ihre Söhne gewesen, die zuvor verhaftet worden waren.

Ich machte eine Fortbildung in Krankenpflege und Erster Hilfe, damit ich den Verwundeten auf den Demonstrationen helfen konnte. Im Juli 2012 war die »Freie Armee« in unsere Gegend gekommen, es waren Bataillone aus dem Umland von Aleppo, wie »Liwa Al-Tauhid«, die von Abdelkadir Saleh[7]angeführt wurde. Dann begann das Regime, die Stadt Aleppo von Flugzeugen aus zu bombardieren. Meine Familie floh mit vielen anderen, doch ich weigerte mich und nahm meine Arbeit in der Krankenstation auf, um den Verletzten zu helfen. Das war eigentlich ziemlich ungewöhnlich und gegen die Tradition, denn für ein Mädchen gehörte es sich nicht, außer Haus zu bleiben. Ich komme aus einem konservativen frommen Umfeld, aber ich bestand trotzdem darauf, im Dar Al-Schifa-Lazarett im Al-Schaar-Viertel zu bleiben.

Ganz in der Nähe der Krankenstation wurde gekämpft, denn sie lag an der Front. Das Regime versuchte, die Region zurückzuerobern, die Kugeln drangen durch das Zimmer der Notaufnahme, wo ich mich die ganze Zeit über aufhielt; ich schlief auch in der Krankenstation. Die Telefonverbindungen waren unterbrochen. Aber es kamen viele Freiwillige zu uns. Nach Bombenangriffen wurden menschliche Körperteile zu uns gebracht, wir kamen kaum durch die Flure, weil dort so viele Tote und Verletzte lagen, wir mussten regelrecht über die Leichen springen. Einmal in der Woche ging ich zu dem verlassenen Haus meiner Familie, um zu duschen, dann kehrte ich sogleich wieder zurück.

Als die Bombardements zunahmen, bestand unser Leben nur noch aus Massakern. Wir legten die Leichen auf den Gehsteig vor der Krankenstation, Leichen, die nicht identifiziert werden konnten, fotografierte ich und bewahrte die Fotos auf. Wir begruben sie und notierten den Namen des Ortes, wo sie begraben wurden, neben jedes Foto, damit die Familien, wenn sie nach der Bombardierung kämen, um nach ihren Kindern zu suchen, ihre Gräber fänden. Wir machten seltsame Sachen mit den Leichen, besonders wenn die Körper zerfetzt waren. Wir wollten den Familien die Leichen ihrer Kinder in einem angemessenen Zustand übergeben, deshalb nähten wir die Gliedmaßen wieder an und ließen sie wieder menschlich aussehen. Zum ersten Mal nähte ich Menschenfleisch.

[...]


[1] Hamzeh Al-Khatib war ein Dreizehnjähriger aus der Stadt Deraa. Er wurde von einem Checkpoint des Geheimdienstes verhaftet, und nach einiger Zeit wurde seiner Familie sein Leichnam übergeben. Auf seinem Körper waren Folterspuren zu sehen, unter anderem hatte man ihm das Genick gebrochen und sein Geschlechtsteil abgeschnitten.(A.d.A.)

[2] Azadi heißt Freiheit auf Kurdisch. (A.d.A.)

[3] Sie werden »Bewahrer des Systems« genannt. (A.d.Ü.)

[4] Ein Student, der an der Universität von Aleppo Ingenieurwesen studierte. Er wurde am 28.3.2012 von den Sicherheitskräften in der Nähe der Saad-Moschee getötet. (A.d.A.)

[5]Verschiedene Stadtviertel von Aleppo (A.d.Ü.)

[6] Am 29.1.2013 wurden einhundert Leichen gefunden, die man in den Fluss Quwaiq geworfen hatte, der durch das Aleppiner Viertel Bustan Al-Qasr fließt. (A.d.A.)

[7] Abdelkadir Saleh ist einer der Gründer der Liwa Al-Tauhid, eine der Brigaden der Freien Armee. Er wurde Hadschi Mari genannt, weil er 1979 in Mari im Umland von Aleppo geboren worden war. Er wurde bei einem Luftangriff des Assad-Regimes 2013 getötet. (A.d.A.)



Die volle Zeitzeugenaussage von „Zein“ sowie das Portrait „Sarah“ von Samar Yazbek erscheinen Ende November 21 in limitierter Ausgabe zusammen mit Zeichnungen der Bildenden Künstlerin Randa Mdah bei DOCK X Editions.
Reservierungen unter schreibwerkstatt@dock11-berlin.de

Die Präsentation dieses Textes wird mitermöglicht durch:
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Programm NEUSTART KULTUR, Hilfsprogramm DIS-TANZEN des Dachverband Tanz Deutschland.