Die folgenden Texte sind im Rahmen eines Workshops über “Kunst und soziale Herkunft” entstanden. An zwei Tagen haben wir uns über unsere Erfahrungen mit Klassismus ausgetauscht. Es ging um versperrte Zugänge zum Bildungssystem, klischeehafte Darstellungen der „Arbeiterklasse“ in der Kunst, die Verzweiflung darüber, in einer Erbgesellschaft zu leben oder die fehlende Beherrschung der gesellschaftlichen Codes in der Kunstszene. Auf einer persönlichen Ebene ging es vor allem um Gefühle: um Momente von Scham, Wut und Absurdität, die wir als Frauen in einem klassenorientierten kulturellen Umfeld erlebt haben und weiterhin erleben.

Dabei wurden wir durch die Auseinandersetzung mit Autor:innen wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Christian Baron und deren autobiographischem Schreiben begleitet.
Eine weitere Inspiration war ein persönliches Gespräch mit dem Choreografen Peter Pleyer, einem der wenigen Akteur:innen der Tanzszene, die aus der Arbeiterklasse kommen und dies in ihrer Kunst thematisieren.

Dem Ansatz des Workshops entsprechend, sind Texte entstanden, die auf autobiographischer Erfahrung aufbauen. Jede der Autorinnen widmet sich einer anderen soziopolitischen Facette innerhalb einer klassenorientierten Gesellschaft und doch scheint es eine Verbindung zwischen den Texten zu geben: ihre Wunden, Erleuchtungen und ihr abgründiger Humor. (SedaNiğbolu und Sarah de Sanctis, Workshopleiterinnen)



Der Tod kostet das Leben
von Katja Wiegand

Ich erinnere mich an die Hände meines Vaters. Er hatte bei einem Arbeitsunfall zwei Finger verloren. Immer, wenn er sich danach neue Handschuhe kaufte, hat er zum Spaß gefragt, ob er einen Rabatt bekommen kann, da er ja nicht alle Finger vom Handschuh brauche.

Ich erinnere mich, als Kind mit meinen Eltern das Badewasser geteilt zu haben. Als das jüngste Kind war ich immer zuletzt dran. Bis heute sagen wir es vorher in der Familie an, wenn wir baden gehen, auch wenn wir das Wasser nicht mehr teilen. Ich habe früher sehr gern gemeinsam mit meinem Vater gebadet, weil er mir die Haare viel sanfter als meine Schwester gewaschen hat. Bei ihr hatte ich immer das Gefühl sie würde mir die Kopfhaut abziehen.

Ich erinnere mich, dass ich mich zu meinem Geburtstag auf die „richtige“ Cola gefreut habe. Niemand wusste, dass es bei uns sonst nur die billige Version von Lidl oder Aldi gab.

Ich erinnere mich, dass ich nach meinem Abitur zurück zu der Schule ging, an der ich zuvor meinen Realschulabschluss gemacht hatte. Eine meiner ehemaligen Lehrerinnen war erstaunt: So etwas schafft hier kaum jemand.

Ich erinnere mich an meine erste eigene Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg, in der Nähe der Schönhauser Alle. Es war dies die einzige, die ich mir leisten konnte. Davor hatte ich in einer 6er-WG in Moabit gewohnt. Mein Vater zeigte mir damals, wie der Kohleofen funktionierte, während meine Mutter darüber entsetzt war. Für sie war es ein Unding, in der Hauptstadt Deutschlands zu wohnen und mit Kohle zu heizen. Sie sagte damals zu mir: Du wohnst doch nicht in Russland!

Ich erinnere mich, als Kind für mich selbst gekocht zu haben. Immer nur Fertiggerichte, die mir meine Mutter für nach der Schule rausgelegt hatte.

Ich erinnere mich, dass zuhause nie über Politik gesprochen, aber immer SPD gewählt wurde.

Ich erinnere mich, drei Jahre ist es her: Einen Monat lang saß ich am Krankenbett meiner Mutter, jeden Tag, und hörte ihr zu, hörte ihren Geschichten einfach nur zu. Sie hatte viele Schmerzen, viele Ängste – und viele Geschichten aus Russland zu erzählen. Es gibt diese Momente im Leben, die wirken wie im Film. Ich sehe meine Mutter vor mir liegen: Kaum ein Teil ihres Körpers ist unversehrt. Überall stecken Schläuche, mehrere Geräte sind an ihren Körper angeschlossen. Es gibt ein konstantes Biepen und Rauschen. Unter diesem Rauschen wirkt das Krankenzimmer abgetrennt von der restlichen Welt. Niemals war ich meiner Mutter näher als in diesen sterilen fremdartigen Räumen.

Ich erinnere mich, dass ich schon in der Schule das Gefühl hatte, mich immer wieder neu beweisen zu müssen. Noch immer denke ich oft, eine Hochstaplerin zu sein. Noch immer frage ich mich oft, ob ich es mir erlauben kann, nach meinen Träumen zu leben.

Ich erinnere mich an die stechenden Schläge des Lineals auf den Hinterkopf im Mathematikunterricht in der Grundschule, wenn wir nicht aufgepasst haben. Nachdem das rauskam, hörten die Schläge auf.

Ich erinnere mich an das schmerzvolle Gesicht meines Vaters, als er seinen Beruf aufgegeben hat.

Ich erinnere mich an die vielen Bücher, die er mir geschenkt hat und die ich alle gelesen habe. Die Bücher aus der Schule habe ich nie gelesen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen meiner Deutschlehrerin und meiner Mutter. Sie sagte zu meiner Mutter: „Finden Sie sich damit ab. Katja gehört auf die Hauptschule. Aus ihr wird nichts.“ Meine Mutter hat daraufhin erwidert: „Natürlich geht Katja auf das Gymnasium.“

Ich erinnere mich an das Foto, auf dem mein Vater mit seinem ersten Auto zu sehen ist. Er hatte immer nur weiße Autos, weil er fand, dass sie edel aussähen. Leider waren sie oft einfach nur dreckig.

Ich erinnere mich an meinen ersten Job: Ich habe die Fransen des Teppichs meiner Großmutter gekämmt, weil ich dann eine Mark von ihr bekam. Mein Vater sagte immer: Nicht mal der Tod ist umsonst, denn der kostet das Leben. Meine Eltern haben eine sehr pragmatische Sicht auf das Leben wie auch auf den Tod.

Großmutter, es fühlt sich seltsam an, mich nur noch in meinen Erinnerungen mit dir zu unterhalten. Unsere Familie lebt jetzt in dem Haus, dass du alleine gebaut hast. So viele Stunden meiner Kindheit habe ich alleine mit dir verbracht, weil Opa im Krieg verstarb und meine Eltern den ganzen Tag bei der Arbeit waren. Es gibt einen Ausschnitt in einer VHS, in dem ich als Baby zu sehen bin. Meine Schwester trägt mich herum und alle in dem Video sprechen russisch miteinander. Deine Stimme ertönt aus der Ferne und du rufst nach mir und nimmst mich auf dem Arm. Deine Stimme ist die einzige, die ich aus dem Video verstehe.



Peter Pleyer featuring David Wojnarowicz.
© Ludger Storks




Sobald ich darüber schreiben kann, betrifft es mich nicht mehr –
von Janis Jirotka
 

ich bereue es, „Rückkehr nach Reims“ gelesen zu haben. es stellte eine Distanz zwischen dir und mir her                  

von der nur ich weiß.
denke ich.

ich bereue nicht. eigentlich nie. aus Fehlern lernt man.
es macht dich stärker. nicht viel zu haben
hat dich stärker gemacht.
                                                                                                         nein.
das war lange m/eine Erzählung.
                   
jemand sagte einmal zu mir,
etwa so: 
‚deinem Gesicht sieht man an,
dass du aus einem behüteten Elternhaus
kommst, geh mal in den Wedding, da sieht 

man den Menschen ihre Armut an.‘

und machte dabei eine Kreisbewegung
um die Nase

keine Plural-Eltern. kein Haus.

Didier Eribon schreibt in „Rückkehr nach Reims“, dass seine Mutter das Buch nie lesen wird, weil sie es nicht verstehen würde. Verstehen meint viele Dinge. ich will nicht verstehen, dass eine Mutter sich nicht für das Buch ihres Kindes interessieren würde. und doch weiß ich, was er meint.

das Buch hat einen Klassenabstand zwischen mir und meiner Mutter hinterlassen. natürlich gab es ihn bereits davor
aber mein Mitleid nicht.

du bist, wo ich herkomme.

als du mich einmal fragtest, was Feminismus sei, wurde ich wütend. ich war enttäuscht und antwortete dir nicht. weil du für mich dieFeministin schlechthin bist.

Sozialwohnung, zwei Kinder und Ausbildung zugleich.

und weil ich die Umkehr der Dinge, dass die Mutter von der Tochter lernen möchte, nicht akzeptieren konnte in jenem Moment.

Eribon ist so alt wie meine Mutter, sie teilen eine Generation. ich teile mit ihm eine kulturelle Generation. ich teile mit ihm ein Weggehen: vom Land, vom Klassenhintergrund. wir gingen weg.

er kehrte nie zurück, bis sein Vater starb.

ich kam immer wieder und immer wieder mit neuen Sprachen.

‚du redest doch so, weil du etwas
Besonderes sein willst‘


sagte jemand zu mir.

jaro heißt Frühling
und práca Arbeit.

du warst Lokführer. Fensterputzer. Hausmeister. Holzfäller. Sportlehrer. Spitzensporttrainer. Betreiber eines Fitnessstudios. du warst Holzfäller. Zimmermann. manager eines organic health stores. zuletzt: farmer.

du gingst fort.

erst
Westdeutschland
weiter weiter weiter
Westkanada                                                                                 
du kamst nicht an.

ich teile noch etwas mit Eribon: einen Vater, den es nicht mehr gibt. der auch nicht wirklich da war. mein Vater ist immer wieder existenziell gescheitert. es ist kein persönliches Scheitern

sondern eines im Kapitalismus.

ob sich Existenzangst vererbt?

sie schreibt: unsere Körper erben die Möglichkeiten dessen, was
sie erreichen können

our bodies inherited
what is possible for us to reach.

sie schreibt sich ein.

beide haben immer gearbeitet
ich stehe in einem Gegensatz dazu
mit einem Schuldgefühl
da.

Eltern die für uns, für sich, Freiheit wollten. hart arbeiteten. in neuen Ländern neu anfingen.
            damit wir es besser haben als sie

welche Möglichkeiten wir auch haben
            – wegen ihnen –
                        wir haben es besser.

stehen wir in eurer Schuld?

ich habe tatsächlich Schuld/en bei dir.

die rechne ich auf in Arbeit
Stunden
deine Körperarbeitsstunden.
die dich müde machen
die dich alt machen
mit Anfang, Mitte –

zwar ist dein Geld bedingungslos
aber nichts ist
bedingungslos
innerhalb dieses Systems
zumindest ein schlechtes Gewissen

muss dafür bezahlen.

warum sollte unsere Beziehung materiell bestimmt sein?

und ich in d/einer Schuld stehen?

es ist das gesellschaftliche System
das uns in dieses Verhältnis zueinander setzt
zu der Person, die um 4 Uhr morgens aufsteht
um um 5 Uhr morgens
die Straße
vor meinem Fenster
mit der Kehrmaschine
zu

– bearbeiten.

wir messen uns gegenseitig
an unserer Leistung
an dem was wir aufopfern
unsere Körper
die jeden Tag aufstehen
in vielfältigen Choreografien
die immer gleichen
abweichenden
Tätigkeiten
ausführen
die Geld nach Hause bringen
die müde sind
die immer wieder sagen
ich komm doch nicht mehr
ich habe heute den ganzen Tag

– gearbeitet.

ich sch/reibe mich auf zwischen Kunst und Kulturszene, Klassismusdiskursen en vogue und Klassenbiografien, Nebenwidersprüchen und Nebenschauplätzen.

ein anderer schreibt, warum

die Anliegen weißer Männer als ökonomisch gelten,
während alle anderen sich angeblich nur über ihre
Gefühle austauschen.


Eribon sucht nach Ursachen der neuen Wahlverwandtschaften ehemals kommunistischer Arbeiter_innen, die linke und die rechte Erzählung hat zuweilen den gleichen Feind. nur, dass die rechte Erzählung sich einkauft  in menschenverachtende Trennungsphantasien.

die weißen Arbeiter_innen begehen Klassenverrat.

            die Erzählung ist auch die

der Frauen* deren Körper erst enteignet
bekämpft, für unproduktiv, wertlos [nicht wertschaffend] aber doch reproduktiv, als Klasse, ausgebeutet
dann kommerzialisiert wurde. heute sind wir es, die vom System als Frauen arbeitsgeteilt, ausgebeutet werden –
Produktivkräfte.

die Erzählung ist einfacher
wenn ich sie auf andere schieben kann
die mir etwas wegnehmen wollen.

handelt es sich um eine einzelne Verrücktheit
eines einzelnen Kapitalisten
oder des bösen Westens

nein

ich leih mir was aus:                                                                   “mein halbes Leben habe ich mich
durchgebissen,

             um mir ein Haus zu leisten,
das ich immer noch abbezahle,
  von dem ich mir immer noch nicht
sicher bin ob es mir gefällt,
aber das geilere Haus konnte ich mir

                 nicht
leisten.

und jetzt kommst du
und sagst mir, dass das alles falsch ist.

wenn es scheint
der Lebensstandard immer besser wird

einige Gruppen werden
in das System integriert
befriedet
man findet in ihnen
neue Märkte
neue Konsument_innen
neue Ausgebeutete
neue Ausbeuter_innen
neue Start-up-Arbeiter_innen
neue Künstler_innen.

deren Arbeit sich nicht wie Arbeit anfühlt  –

                                                                                         
kommodifizierung der queeren Jugend
als revolutionäre Klasse sich außerhalb Produktionsprozesse befindend

ausgerufen


als Jugendkultur stigmatisiert
ihre Mode, Kritik und Protest sind

absorbiert



für manche
denn währenddessen
wird es für andere  
                                                                                                         verdinglicht
immer
– schlechter.

damit wird es
– objektiv gesehen –
für alle

schlechter.

die kapitalistischen Produktivkräfte greifen um
sich und müssen immer weitere Teile der Erde
integrieren, ausschöpfen um den Wachstumshunger
des Kapitals zu stillen

sei es die Verscherbelung der DDR, der billige Lohn
Asiens, die Wälder Amazoniens
irgendwann wird nichts mehr da sein
was den Hunger stillen kann

was dann?

inwieweit ich wirklich einen Klassenaufstieg vollzogen habe bleibt offen. trotz intellektueller akademischer künstlerischer Kreise bleibt m/ein Lebenslauf verschuldet, prekär, ohne ökonomischen Rückhalt. die Autor_innen kehren zu ihren Eltern zurück auf der Suche nach der Klassenfrage und finden den Klassenabstand.

mein rückwärtsgewandter Blick bleibt bei der vierten Generation stehen,
weiter geht’s nicht.
der Rest ist Geschichte.

wir sind ohne Geschichte.

irgendwie.
irgendwie nicht.                                         
the rich write history.
the rest tells stories.
–  about struggle.

wer wagt und schafft es überhaupt
den Schritt aus der Klasse heraus

–  und muss dann daraus noch Kapital schlagen und aus Klassenhintergrund Kunst machen.

ob meine mama diesen Text lesen wird? –

mama, ich habe 400 Euro mit diesem Text verdient
das ist fast meine Miete.

dieser Text ist eigentlich in einem Zeitraum von mehreren Monaten und Schreibphasen
entstanden, neu collagiert, revidiert, hinzugefügt, lektoriert worden.

‚‘ anonymisierte Vorannahmen über meine soziale Herkunft

* meint ein zweigeteiltes Geschlechtersystem nach Arbeit im patriarchalen Kapitalismus,
eigentlich müsste hier stehen: FLINTA*
(Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär,Transgender, Agender)

“sind direkte oder abgewandelte Zitate und Gedanken, aus dem Zusammenhang gerissen,
kopiert, ausgeliehen, ‚freizügig geplündert‘ und wiederverwertet von

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims
Annie Erneaux, Die Jahre
Piratensender Powerplay, Interview mit Eva von Redecker
Emma Dowling, Silke van Dyk und Stefanie Graefe, Rückkehr des Hauptwiderspruchs?
The Most Dangerous Game, exhibition catalogue HKW
Sara Ahmed, Queer Phenomenology: Orientations, Objects, Others
Silvia Federici, Caliban and the Witch
Ta-Nehisi Coates, twitter post
Eric Hobsbawn, Banditen

und wie immer,
unzählige Gespräche mit Freund_innen






© aka



Für die Kunst leben und nicht von ihr
von Sabine Schmidt

Die soziale Herkunft definiert in unserer Gesellschaft die Klasse und die Zugehörigkeit der Menschen untereinander. Das klingt grausam und das ist es auch. Aber ohne das Bewusstsein von Klasse wäre unsere Gesellschaft gar nicht begreifbar. Herrschende Zustände und Gegebenheiten lassen sich überhaupt nur hinreichend erklären, verständlich auf den Punkt bringen, wenn der entscheidende Faktor soziale Herkunft mitgedacht wird. Von der Identitätsbildung eines Menschen ganz zu schweigen.

Ohne Sexualität und ohne ein Bewusstsein einer Herkunft, fällt es Menschen schwer, ein Ich zu konstituieren. Oder, anders ausgedrückt: Sexualität und (soziale) Herkunft sind Prägungen des Menschen, die er mit seiner Geburt auferlegt bekommt. Er wird mit Geschlecht und Klassenstatus in eine Gesellschaft integriert und bekommt dadurch seine Funktion als Subjekt zugesprochen. Es ist eine Entscheidung, die der Mensch nicht selber treffen kann – sie wird mit ihm in die Wiege gelegt. Ab diesem Punkt prägt die soziale Herkunft das Ich eines Menschen und bestimmt den von der politischen Verfasstheit der Gesellschaft vorgezeichneten Lebensweg. Triumphiert das Individuum über seine festgelegte soziale Herkunft, befreit sich also durch Bildung von seiner Klasse, verändert sich seine Identität. Es bildet sich eine Kluft.

Der lange Weg eines Kinds der Arbeiterklasse in die Institutionen des
Bildungsbürgertum


Mein Vater ist gelernter Tischler, wechselte über einen Onkel in die Automobilindustrie. Vom Tischler zum Kfz-Schlosser. Statt Tische, schraubte er am Fließband Autos zusammen. Er selber besitzt bis heute keinen Führerschein. Auch meine Mutter nicht. Meine ältere Schwester machte ihren während ihrer Ausbildung zur Arzthelferin. Ein Führerschein ist für mich bis heute immer noch ein Luxusgut. Viele meiner ehemaligen Schulkollegen und -Kolleginnen haben ihren Führerschein während ihres Abiturs gemacht – nicht alle haben den von ihren Eltern bezahlt bekommen, viele arbeiteten neben der Schule bei ihren Eltern oder hatten andere Gelegenheitsjobs. Irgendwie sah ich während dieser Zeit nie die Notwenigkeit, mein gespartes oder erarbeitetes Geld für einen Führerschein anzulegen. Wir wohnten mitten in der Stadt, gut angebunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Heute ärgert es mich schon, dass mich niemand über die Notwenigkeit der Fahrerlaubnis aufgeklärt hat. Tatsache ist, dass dieser Lappen für unendlich viele Jobs gebraucht wird, beziehungsweise dafür Voraussetzung ist. Und ich mittlerweile verstanden habe, dass die gesellschaftliche Struktur öffentliche Verkehrsmittel hauptsächlich für eine niedere Klasse vorgesehen hat – unabhängig davon, dass öffentliche Verkehrsmittel klimafreundlich sind, mehr oder generell in sie investiert und sie weiter ausgebaut werden sollten. Für Deutsche ist das Auto ein Prestigeobjekt. Es verschafft Autonomie und ein anderes Bewusstsein der eigenen Klasse, indem die Angewiesenheit auf öffentliche Verkehrsmittel aufgelöst wird, und sich die Prestigeobjekt-Eigner voller Stolz von der vorausgesetzten Klasse abheben können.

Wie meine ältere Schwester – sowie meine Eltern und Tanten – ging ich auf eine Hauptschule, machte meine Fachoberschulreife, lehnte aber einen Ausbildungsplatz ab. Ich hatte ein Angebot bei der Bezirksregierung im Bereich Bürokommunikation. Heute frage ich mich schon, was wäre, wenn ich kein Abitur gemacht hätte und wie dann mein Verhältnis zu meiner Familie wäre. Mit dem Segen meiner Eltern ging ich aufs Gymnasium. Ich hatte sie gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn ich noch weiter zu Hause wohnen bliebe. In dem Moment war es für sie kein Problem. Ich denke, sie hatten gar nicht verstanden, was dieser Schritt bedeutete und welche Konsequenzen er für sie haben würde. Erst im Nachhinein wurde ich immer wieder von meinem Vater gefragt, wie lange ich noch gedenken würde zur Schule zu gehen, wann ich ausziehen und zu arbeiten anfangen würde. Meine Eltern und meine Familie hatten gar keinen Begriff für so einen Werdegang wie meinen. Sie haben gar nicht verstanden, wie anstrengend es für mich war von einer Hauptschule, wo wir im Kunstunterricht Mandalas ausmalten, auf ein Gymnasium zu wechseln, in dem Kunst eine Geschichte mit Bildern hatte.

Dasselbe Szenario gab es dann nochmal bei meinem Schritt zum Studium. Direkt war es kein Problem, aber indirekt war es meinen Eltern doch lieb, wenn ich endlich mal ausziehen und wie meine Schwester mein eigenes Geld verdienen würde. Immer wieder wurde ich darauf hingewiesen, dass ich mir doch endlich eine Arbeit suchen solle. Viel zu spät und mit großer Tragik bin ich – natürlich ohne irgendein Kapital – mit Mitte 20 von zu Hause ausgezogen und in eine für mich viel zu teure Wohnung in Uni-Nähe eingezogen.

Hineingerutscht in den Berufszweig der Künste, wurde mir nach meinem Studium schnell deutlich, dass ich als Kind der Arbeiterklasse keine Chancen in diesem Berufszweig haben werde. Mir fehlt das Kapital, welches ich für meine Existenz benötige. Engagements haben in der Regel schlechte Konditionen und eine schlechte Vergütung. Ferner fehlt mir das Netzwerk, das viele Kunstschaffenden aufgrund ihrer sozialen Herkunft mitbringen.  Oftmals ist selbst das bei Gesprächen zu Engagements ein Tabuthema. Die Bewerberin soll ja für die Kunst leben soll und nicht von ihr.

Paradoxerweise hält sich der ganze Bereich um die darstellenden Künste für sehr sozial, tolerant und aufgeschlossen. Und versucht diskriminierende Strukturen unserer Gesellschaft aufzudecken und in künstlerischen Arbeiten zu thematisieren.

Erstaunlicherweise wird über die soziale Herkunft so gut wie nie gesprochen, vermutlich weil es ein genereller Konsens ist, dass die verachtete Unterschicht – für die Theater ja immer wieder zugänglich gemacht werden soll – niemals dort auftauchen wird.



Foto aus „Triton tanzt“ von Peter Pleyer.  
Szene: „politics of improvisation“ nach Ishmael Houston Jones.
© Jens Wazel.


In unserem Bibliotheksschrank im Café EDEN***** in Pankow stehen außerdem drei Romane zum Thema parat:

Angela Lehner „Vater Unser“, Hanser Berlin, 2019
Ocean Vuong: „Auf Erden sind wir kurz grandios“, Hanser München, 2019
Anke Stelling: „Bodentiefe Fenster“, Ullstein 2021 (Verbrecherverlag 2016)