Syrien gilt als das Land, aus dem in den letzten Jahren die meisten offiziell anerkannten Geflüchteten nach Deutschland kamen – ein hoffnungslos zerstörtes Land, von dem nichts mehr zu erwarten ist. Aber was wurde aus den Hoffnungen jener, die vor zehn Jahren ihre Ideale und ihr Leben dafür einsetzten, in einem freieren Land zu leben und in diesem Sinn die friedliche syrische Revolution ins Leben riefen? Wie denken sie an jene Zeit zurück, was ist mit ihren Erfahrungen passiert, wie werden sie gewürdigt und was heißt es, mit dem gewaltvollen Scheitern leben zu müssen?

Der Choreograf Nir de Volff ist einer der wenigen öffentlichen Personen, die in diesem Jahr, zehn Jahre nach der syrischen Revolution, solchen Fragen einen Raum gegeben haben. Seine mit Exil-Syrer:innen erarbeitete Bühnenarbeit “Come as you are # 2” war Anfang August 2021 im Berliner DOCK 11 zu sehen.

Wir haben die Aufführung zum Anlass genommen, nach weiteren Stimmen von Syrer:innen zu suchen, die auf ihre Zeit während der Revolution und danach zurückblicken. Der folgende Text stammt von Feras Soliman. Er ist 2015 nach Deutschland gekommen und arbeitete zunächst für ein Umzugsunternehmen – unter der Mindestlohngrenze. Derzeit wohnt er mit seiner Familie in Südberlin, ist als Auslieferer für ein China-Restaurant beschäftigt, unterrichtet seine Kinder während der Corona-Pandemie im Homeschooling und lernt auf seine B1-Deutsch-Prüfung. Er ist Fan von Kreide, Wandtafeln und Schwimmbädern.

In Syrien betrieb Feras Soliman ein eigenes Geschäft für Kinderkleidung in Raqqa. Sein hier folgender Rückblick „Die Zukunft – Syrien“ ist außerdem Teil des Podcast A Space for Grief, in dem er auf Arabisch mit deutschem Voice-Over zu hören ist. (Astrid Kaminski)



Von Feras Soliman

Im Frühjahr 2011 begann die Geschichte der Zukunft. Wir begannen zu träumen, ließen unseren Gedanken freien Lauf und sie bewegten sich, Schritt für Schritt. Einige unter uns schrieben die ersten Buchstaben einer neuen Zeit. Wir hörten hier und da Rufe, dann füllten lauthalse Schreie den Himmel und schlugen die Funken eines Anfangs. Kinder, noch keine zehn Jahre alt, taten das bis dahin Undenkbare: Sie schrieben unschuldige Wörter gegen den Diktator an die Wände. Dafür erhielten sie die härtesten Strafen – ohne, dass ihre Tränen oder die ihrer Familien daran etwas geändert hätten. Die Wut begann. Langsam setzten sich die Menschen in Bewegung – eine Stadt nach der anderen. Sie verlangten zunächst nur Freiheit. Dann forderten sie auch den Sturz des Diktators.

Ich saß vor dem Fernseher, suchte online nach Nachrichten und fand Geschichten über Ungerechtigkeit. In jener Zeit entwickelte sich bei vielen von uns der Wunsch, sich der Freiheitsbewegung anzuschließen. Immer mehr Männer, Frauen und auch Kinder schlossen sich an – wir wurden mehr. Jeden Tag gingen wir auf die Straßen, setzten uns Anfeindungen und manchmal sogar Schüssen aus. Einmal wurde ein Freund von uns von einem Schuss getroffen. Er starb sofort. Daraufhin versammelten sich die Menschen. Wut lag in der Luft. Am nächsten Tag versammelten sich mehr Menschen, Tausende von Menschen, um sich von dem unschuldigen jungen Mann zu verabschieden. Jeden Tag sollten wir von nun an auf die Straße gehen, um uns von einem Freund zu verabschieden. In unseren Augen Tränen, wir fühlten nur Trauer. Schreie der Unterdrückung begleiteten uns auf unserem Weg Richtung Freiheit.

Wir wussten, dass der Tod uns nahe war, sobald wir unsere Häuser verließen. Jedes Mal verabschiedete sich meine Mutter für immer von mir, für den Fall, dass ich nicht zurückkäme. Und wenn ich dann doch wieder nach Hause kam, drückte sie mich ganz fest, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Bis zu dem Tag, an dem ich nach Hause kam und nichts als Trümmer vorfand. Das war der schwerste Moment meines Lebens. Meine Mutter war von uns gegangen. Mein Vater folgte ihr. Er starb in Trauer um meine Mutter. Ich schwor, Rache zu nehmen und nicht zurückzuschrecken oder aufzugeben.

Von Anbruch des Tages bis zum Sonnenuntergang beobachteten unsere Augen den Himmel, sahen die Flugzeuge des Diktators, wie sie ihre Bomben abwarfen, während wir flohen, uns versteckten, um dann, wenn der Moment gekommen war, zu helfen. Wir sahen viele Menschen sterben, wir sahen sie verbrennen oder wie sie unter Trümmern begraben wurden. Nachts hörten wir nicht die Geräusche der Flugzeuge, sondern nur jene der abgeworfenen Bomben. Wir wussten nicht, woher sie kamen. Zur gleichen Zeit prahlte der Diktator mit seinen Lügen. Er log das Volk an, behauptete, dass es Saboteure und Banden gäbe, um die Tötung seiner Gegner zu rechtfertigen.

Die Zahl der Getöteten in unserem Land nahm zu, und damit auch das Beharren darauf, den seit 40 Jahren regierenden Diktator zu stürzen. Tage und Monate vergingen. Trotz des Einsatzes aller erdenklichen Arten von Gewalt musste der Diktator langsam seinem Fall ins Auge sehen. Bis einige Länder damit begannen, dem Diktator zu helfen, die Revolution zu unterdrücken.

Doch sie schafften es nicht, die Revolution breitete sich weiter aus. Doch dann wurde eine Gruppe von Menschen mit bösen Herzen angeheuert. Sie trugen schwarze Kleidung und begannen alle Arten von Verbrechen. Der Diktator konnte wieder aufatmen, behaupten, dass er Banden und Terrorismus bekämpfe. Und die Länder glaubten diese vom Diktator erfundenen Lügen.

Wir verloren einige Gebiete. Die Gewalt gegen uns verschärfte sich - wir kämpften nun alleine. Tausende von Menschen, auch Frauen und Kinder, wurden getötet, Häuser, Krankenhäuser und Schulen zerstört. Man setzte alle Arten von Waffen gegen uns ein. Familien wurden auseinander gerissen, Gefängnisse mit Inhaftierten gefüllt. Die Menschen begannen über Auswanderung nachzudenken.

Im Schatten dieses Leids fand auch ich mich gezwungen, mein Land zu verlassen, meine Erinnerungen und Träume zurückzulassen. Wir riskierten unser Leben, standen oft unter Beschuss und wagten den Weg über das beängstigende Meer. Es gab mehrere Momente, in denen wir dem Tod ausgesetzt waren. Dann kamen wir an: Wir waren in Sicherheit.

Wir ließen viel Leid, Traurigkeit und Tränen hinter uns. Nun sind zehn Jahre vergangen und davon kein Tag, an dem wir nicht an das Ende des Krieges, den Sturz des Diktators und die Rückkehr des Friedens denken.

Diese ist nur eine der vielen Geschichten, die passierte und die noch immer passieren – bis heute.