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	<title>Dock 11 - Expanded</title>
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	<pubDate>Sat, 04 Sep 2021 08:09:46 +0000</pubDate>
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		<title>Texte/Writing</title>
				
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:20:38 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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Texte/Writing


24 —&#38;nbsp;NEUE PRINT EDITION paper pieces!23 — “The seeds planted in us” – Conversational essay – Inky Lee [EN]22 — Mein Skelett und ich – Essay – Johannes Groschupf [DE]
21 — It is hard to be soft – Resonances – Mai Vis, Aidan Riebensahm &#38;amp;&#38;nbsp;etaïnn zwer [EN]
20 —  In Lieu of Official News to Report – Essay – Claire August [EN]
19 — Notes for a nurtured body — Kathleen Heil  [EN]
18 — 
















Ein unerschöpfliches Ankommen



 — 
















Nachruf auf Jean-Luc Nancy



 — Marita Tatari&#38;nbsp;[DE]
17 — 19 Frauen — Portrait Zein — Samar Yazbek [DE]
16 — That Waste Land — Prose Poem —  Nora Amin&#38;nbsp;[EN]
15 — It’s time to mourn — Interview with Barbara Raes [EN]14 — Die Kamera bleibt liegen — Findling — Esther Strauß [DE]13 — leaving + the only option — Two Songs — Inky Lee [EN]12 — 


















A
luxury I was not entitled to — Sirine Malas&#38;nbsp;[EN]11 — Die Zukunft / Syrien — Erinnerung —&#38;nbsp;Feras Soliman [DE]10 — Moisture — Short Prose — Ami Garmon [EN]9 — 
















Der lange Weg ins
Bildungssystem 



 — 
















Autobiografische Fragmente 



 — 
Janis Jirotka, Sabine
Schmidt, Katja Wiegand&#38;nbsp;[DE]8 — The body as a portal — Correspondences — 
Yuko Chigira, Yon
Natalie Mik, Rayén Mitrovich, Patrycja Masłowska
&#38;amp; Simo Vassinen [EN]7 — 















...

















fallen
on the ground but still shining — Poem — Clay A.D. [EN]1 — mein körper, der da wäre — Gedichte — Johanna Hühn [DE]
2 — Einmal vergessen. Wie das war. Und wie wir jetzt so sind. — 










Monolog —

Elisabeth Pape&#38;nbsp;[DE]
3 — Body of Water — 










Poem — Tracy Fuad&#38;nbsp;[EN]
4 — AURIS — Gedicht —&#38;nbsp;Astrid Kaminski&#38;nbsp;[DE/EN]
5 — Das Raus ist einsam — 










Schauspieler Nico Holonics im Interview&#38;nbsp;[DE]




6 — Ohnmachtsfragmente 1-8 — Sophie Emilie Beha, Nora Haakh, Astrid Kaminski, Seda Niğbolu&#38;nbsp;[DE/EN]







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		<title>Lesen1</title>
				
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:20:38 +0000</pubDate>

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	1 ︎︎︎ mein körper, der da wäreDrei Gedichte von Johanna Hühn

	
















&#38;nbsp;


	




	
ICH VERMUTE TAUBEN
ICH BERECHNE DEN HAUSHALT DER UNWIRTLICHKEIT
ALLES MÖGLICHE KÖNNTE PASSIEREN ODER NICHTS DAVON



ICH VERMUTE TAUBEN




mein körper (sogenannt) 



fällt
mir ein. wie er gestern unter dem fenster 



den
einzug kühlerer luft erwartet, die zweige 



beobachtet,
beobachtet, wie sie gegeneinanderstoßen,



liegt
selbst ganz still. 



ein
körper, der ohne antwort abzuwarten, einschläft,



als
versuch, mich zutage zu bringen. 



nichts
neugeborenes ist an ihm.



 



mein
körper, insoweit



er
sich als meiner ausgibt, indem er 



sich
dorthin legt, wo ich gestern zu schlafen kam, 



zur
rast. ein körper, den ich mir aneigne, 



weil
er sich einfand an der stelle, an der ich 



mich
schlafen legte, er mir vorfiel. 



 



mein
körper, zurechtgelegt. 



die
arme unter sich verstaut, liegt flach 



auf
dem bauch, im versuch, sich zusammen-



zufalten,
wie er es bei den hemden beobachtet. 



obwohl
ich die hemden nicht bügele: 



ihre
beispielhafte ausgeglichenheit. 



 



mein
körper legt sich an den tag. 



legt
sich. der länge nach. 



an
die kürzer werdenden tage. 



überschneidet
sich nicht. 



 



ICH BERECHNE DEN HAUSHALT DER
UNWIRTLICHKEIT



 



ich berechne den haushalt der
unwirtlichkeit



die schlafkahlen stellen das
anschwellen 



des still gelegten anteils an den
teilen meines körpers



ich wiege die nächte mit der schläfe
die warteschleifen 



den schlummermodus das zucken der
glieder 



als ob schlaf ein gewitter ist das
in der nähe einschlägt



ich rechne in den träumen mit nichts
anderem 



als den schleusen die ich tagsüber
abfahre um mich 



über das gestaute wasser zu beugen 



selten überschneide ich meine
erwartungen mit erwachen



 



ich verweise den platz,



das zuspiel der finger am mundwirbel,



an nasenflügel, bei tränenbein,
trost,



das begriffene schäume ich auf und
verwässere



was ich brauche, brauche ich auf






 



ALLES MÖGLICHE KÖNNTE PASSIEREN ODER
NICHTS DAVON 



 



ich umgehe den tagesbeginn. streife kurz



vor ladenschluss im schlaf,
häufe träume 



vom regal, ohne ansicht der
aufschrift. ungeduldig



folgt das personal meinen gängen 



zwischen kühltheken, ich beuge mich 



über die eingeschweißten körper,



ein atem verklärt mir die sicht. 



 



was ohne überleitung ist: über zu frühe 



fliesen
ins bad, die klebrigen stellen am gesicht melden 



geständnisse, von denen der tag
meint



sie sich sparen zu können,
andererseits 



 



es begab sich etwas blut auf dem
boden, ich bückte mich.



es aufzuheben, fiel mir schwer. 



ich bat um hilfe, gemeinsam



trugen wir es, vorsichtig, lösten es



im waschbecken wie ein versprechen.
wozu, sagte keiner. 



 



ich wusch und bügelte den staub. 



lauerte den nachrichten auf.



zu vollen stunden saß ich am tisch.



was gibt es heute: stille,
taumeldungen.

	






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	<item>
		<title>Lesen2</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen2</link>

		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:20:38 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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	2 ︎︎︎ Einmal vergessen. Wie das war. Und wie wir jetzt so sind.Auszug aus STILL LEBEN, einem Monolog 
von Elisabeth Pape

	

	




	



































Wir kaufen Arabica Kaffee bei Friedl. Ist das unser neues Fundament? Du machst uns Kaffee in der Espressomaschine, die deine Eltern finanziert haben, weil, die haben ja hier alles finanziert. Und wir trinken unseren Kaffee mit aufgeschäumter Hafermilch in unterschiedlichen Zimmern, weil wir arbeiten müssen. Wir beide sitzen vor unseren Bildschirmen und du schaust dir Lenni Jensen an, wie er den Cutback macht und ich schau mir Rezepte an mit Kichererbsenmehl und Flohsamenschalen und immer wieder Protein. Alles ist Protein. Und ich messe meine Umfänge. Ich notiere mir Zahlen. Aha. Irgendwelche Zahlen. Ich begebe mich auf die Suche und finde in einer Schachtel nur Luft. Luft, die ich eingefangen habe, als ich betrunken vom Rotwein so melancholisch war (OH). Und Tiere, die betrinken sich auch. Und ich schaue aus dem Fenster. Stille. Die weniger still ist. Kein Witz. Die einzelnen Bäume; sie kennen nichts anderes. Die Nachbarin mit ihrem BLB Brick Lane Bike streitet mit ihrem Freund über irgendwas, und ich möchte es auch gar nicht verstehen. Wir spazieren zur Bekarei und kaufen uns zwei Schnecken. Witz. Rosinenschnecken. Wir vergraben sie zu Hause in einem Blumentopf und warten darauf, dass irgendetwas passiert. Wir sehen ein Eichhörnchen am S-Bahngleis hängen. Es hängt da. Du verliebst dich schnell in irgendwen. Aber dann ist es auch schon längst wieder vorbei. Ich verliebe mich auch schnell in irgendwen und dann ist es auch schon längst wieder vorbei. Alles ist auch schon längst wieder vorbei. Dann liegen wir abends nebeneinander im Bett. Fast still. Aber nicht ganz, weil, ich lese Christian Kracht und du Leif Randt. Morgens schauen wir auf die zugezogenen Rollos und hören dann unserem Über-Ich zu. Und dann wieder rausschauen. Auf den Bürgersteig. Eine Taube liegt da tot rum. Vielleicht angefahren vom TIER. Dann kommt ein Hund und schnüffelt daran. Ein Dalmatiner, wie süß. 



Ich möchte einen Witz machen. Einmal vergessen. Wie das war. Und wie wir jetzt so sind. Aber du knetest so an deinem Stressball rum. 

KOMM WIR GEHEN JETZT RAUS. Und dann gehen wir raus. Und wir sehen irgendwas.

	&#60;img width="1540" height="2048" width_o="1540" height_o="2048" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/b4ca7b73230a409bc1c595b884774c52135179035164bf4ea28c9c5e00f02869/Stillleben-mit-totem-Geflugel_HEN-Magonza.jpg" data-mid="110569176" border="0" data-scale="72" src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/b4ca7b73230a409bc1c595b884774c52135179035164bf4ea28c9c5e00f02869/Stillleben-mit-totem-Geflugel_HEN-Magonza.jpg" /&#62;










Johann Heinrich Roos, Stillleben mit totem Geflügel, Städel Museum © HEN Magonza






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	<item>
		<title>Lesen3</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen3</link>

		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:20:38 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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	3 ︎︎︎ Body of Water&#38;nbsp; — (excerpt)
von Tracy Fuad

	















 

	


	





















































*



All year, I spoke to
myself through imagined conversations with the parents of the children who I
watched for money.



In my mind, they asked
me questions, and I explained to them my life, its nuanced circumstances and
complexities. I couldn’t shake this way of seeing myself, through their eyes,
though they are people I admire in particular, just the ones who pay me, who,
in reality, rarely ask about my life.



Instead I walked the
city, a wet eye. Everything sticks to me. I cannot see.



Each night before I
sleep a circle appears and whispers to me, “now you will not be able to sleep.”
I have learned to ignore the circle. Eventually, I sleep.



A child alone in the
pasta aisle calls “papa” experimentally, not yet in distress. We look at each
other.



I live near what’s left
of the wall, whose absence is my age exactly. Because it is already destroyed,
the absence will last forever. A state of non-existence is the most lasting of
states.



The dogs here wear LED
collars that flash, which is what’s left of what we called “nightlife.”



A young woman with the
voice of an old woman approaches me, holding a bag of hot dog excrement, which
she drops into a bin I realize I’m sitting next to, and I have to leave.



In line at the café a
child asks a man what the woman is writing. The woman is I. I cease to be
invisible. I begin to exist.



*









	







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	</item>
		
		
	<item>
		<title>Lesen4</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen4</link>

		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:20:38 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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	4 ︎︎︎AURIS

















Aus Im Magen des Meeres – Stillleben



von Astrid Kaminski

	















 

	


	





















































[EN below]

Ein
Fahrrad fährt über mir durch den Himmel 


Erst
ducke ich mich dann wundre ich mich


Als ich
aufschaue sehe ich eine Gänseschar


Rotierend
im synchronen Flügelschlag



Ich
fühle einen Gruß sende ihn hinterher


Seit
Tagen habe ich mit niemanden geredet


Außer
Meer Vögeln Deichhasen Fundstücken


Hallo
hab ich anfangs zur Muschel gesagt



Es
fühlte sich an wie eine Kuh anzumuhen


Also schwieg
ich fing an zu lauschen und


Merkte
wie sich die Ohren unter der Haut


Ausbreiten
sich Hörnerven andocken



Und wenn
der Atemstrom vorbeistreicht


Resonanzen
entstehen tonlose Schwingungen


Wie im
Wind zitternde flaumige Federn


Die
sensorische Quellcodes aktivieren



Manchmal
halte ich den Atem an um


Sinn
für Sinn zu ertasten wie das Innere


Von
etwas ein Wort ohne Schale ohne


Erscheinung
ohne einen Vogel aufzuscheuchen






AURIS

A bicycle rides through the sky


First I bend over ___then I wonder


When I look up ___I see a flock of geese


Rotating in synchronous wing beat



I feel a greeting ___send it towards them


I haven't spoken to anyone in days


Besides sea ___birds ___dike hares___found objects


At the beginning I said hello to the shells



It felt silly like mooing to a cow


So I fell silent___started to listen and


Noticed how ears have been spreading


Under the skin evoking auditory nerves



And when the breath sweeps by


Resonances arise___toneless vibrations


Like downy feathers touched by the wind


Activating sensory source codes



Sometimes I hold my breath___try


To feel sense by sense___like the inside


Of something___a word without a shell


Without appearance___without scaring a bird



 (English
editing by Tracy Fuad)


Der Foto-Essay- und Lyrikband "Im Magen des Meeres“ von Astrid Kaminski erscheint Anfang 2022 bei Moloko.




 

	&#60;img width="2356" height="3141" width_o="2356" height_o="3141" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/2a23a14806315152ad9d904223bd862028d1adb01d8f7b9a7df75b109bd59ae0/Text4_-Astrid-Kaminski.jpeg" data-mid="111079656" border="0" data-scale="73" src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/2a23a14806315152ad9d904223bd862028d1adb01d8f7b9a7df75b109bd59ae0/Text4_-Astrid-Kaminski.jpeg" /&#62;© Astrid Kaminski








	︎︎︎ Texte
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	<item>
		<title>Lesen5</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen5</link>

		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:20:39 +0000</pubDate>

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	5 ︎︎︎ Das Raus ist einsam

	















 

Ein Gespräch über Ängste mit dem für seine schwierigen Rollen bekannten Berliner-Ensemble-Schauspieler Nico Holonics.

Die veralteten Strukturen im Theater stehen derzeit zur Debatte. Oft klingt die Frage an, wie sie sich so lange halten konnten. Andererseits ist das Theater nicht nur eine Institution mit Personalführungsfragen sondern ein sehr komplex gewachsenes ästhetisches Gebilde, das auf mehreren Ebenen hohe Ansprüche an die Beteiligten stellt. Es spielt eben nicht nur seine eigenen sondern sämtliche gesellschaftliche Fragestellungen anhand von Bühnenfiguren exemplarisch durch. Eine oft unausgesprochene Frage an Schauspieler:innen gilt dabei ihrer Psychohygiene. 


	Wie macht man das, sich am Abend in ein Ekel zu verwandeln und tagsüber liebevolle Kollegin oder fürsorglicher Vater zu sein? Gibt es so etwas, wie die Angst vor dem Übergreifen einer Rolle auf die eigene Persönlichkeit?
Ein Auszug aus dem Gespräch ist im Original-Ton zu hören im Podcast Schule der Angst.

	



































Interview: Astrid Kaminski

Nico Holonics, Sie spielen auf der Bühne Leute wie Xerces, den Fürsten Myschkin aus „Der Idiot“ oder Oskar Matzerath aus „Die Blechtrommel“. Leute, die Sie vermutlich nicht so gerne selber wären. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie unangenehme oder psychisch labile Charaktere spielen? Gibt es so etwas wie die Angst vor dem Überspringen der Rolle?



Nico Holonics: Das ist von Rolle zu Rolle sehr unterschiedlich und auch davon abhängig, in welchem Lebensstadium man sich befindet, wie es einem gerade geht, wenn man eine Rolle probt oder sich mit einem bestimmten Charakter beschäftigt. Wenn man im privaten, nicht-schauspielerischen Leben ganz gut beieinander ist,  dann gelingt es leichter, sich einzulassen. Es gibt aber auch Zeiten, in denen es mir nicht so gut geht und eine Abgrenzung weniger gelingt oder schwieriger ist.



Dann greifen die psychologischen Strukturen der Rolle auf die eigenen über?



Es ist das Wesen einer guten Schauspielausbildung, dass man lernt zu unterscheiden zwischen Privatleben und Bühne – wie man also eine Distanz zu der Figur einnimmt, mit der man sich beschäftigt und, wenn man eine Rolle spielt, nicht denkt, es ginge dabei um einen selbst. Dennoch ist es vollkommen klar, dass es einem nicht gelingt, einen spannenden Theaterabend zu machen, wenn man nur am Strand steht, man muss schon auch ein bisschen raus schwimmen, dahin wo die Tiefe beginnt, wo’s gefährlich wird. 



Mit den Jahren im Beruf und, wenn ich das so sagen darf, einer gesunden privaten Psychohygiene, gelingt es mir eigentlich schon, Abstand zu nehmen zu den Figuren. Dennoch revidiere ich mich direkt wieder: Wenn Sie mich auf „Die Blechtrommel“ ansprechen, dann muss ich schon sagen, dass dieser Abend, der ja ein mehrstündiger Monolog ist, echt ans Eingemachte geht. Diese Erfahrung braucht schon ein bis zwei Tage, um wieder komplett aus dem Körper zu verschwinden.



Sie sitzen Ihrer Rolle eben nicht wie ein Psychologe gegenüber sondern gehen rein. Auch körperlich. Wie gehen Sie wieder raus?



Interessanterweise gibt es zwar ein Handwerk, wie man reinkommt, aber keines, wie man wieder rauskommt. Das Raus ist einsam. Man ist allein auf sich selbst zurückgeworfen. Man muss alleine nach Hause gehen und mit dem, was einem auf der Bühne widerfahren ist, in irgendeiner Form umgehen. Das dauert. Ein Tag nach der „Blechtrommel“ findet, wenn ich es mir leisten kann, auf dem Sofa statt. Ich versuche mir Ruhe zu gönnen und peu à peu wieder Abstand zu nehmen von dem, was ich da erlebt habe. Aber ein Rezept dafür habe ich auch nach 15 Jahren noch nicht gefunden.



Kein Beschwörungs- oder Beschwichtigungsritual, kein „Besen, Besen, seids gewesen“?



Es gibt einen Griff, den ich nicht so richtig cool finde, und das ist der Griff nach dem Handy, wenn ich nach „Die Blechtrommel“ in die Garderobe komme. Erstmal gucken, ob irgendwas passiert ist, ob jemand angerufen oder geschrieben hat. Das ist natürlich totaler Käse, weil: ein hilfloser Versuch wieder in der eigenen Realität, im Ich, anzukommen. Eigentlich interessiert es mich in dem Moment gar nicht, wer geschrieben hat, aber es ist wohl doch ein intuitiver Drang, wieder in der eigenen Persönlichkeit anzukommen.



Aber eine Figur, die man verkörpert hat, wurde zur konkreten Erfahrung.



Ich habe vor zwei Jahren am Berliner Ensemble den Abend „Die Verdammten“ (in einer Inszenierung von David Bösch) gespielt. Meine Rolle war die des etwas missratenen Sohnes einer Familie, die pädophile Strukturen aufweist. Er hat sich in ein 10-jähriges Mädchen verliebt und sie in den Selbstmord getrieben. Diese Rolle war eigentlich die schmerzhafteste, weil sie in Abgründe führte, die ich als Mensch gar nicht betreten möchte. Sie hing mir noch lange nach, so dass ich jedes Mal, wenn ich auf der Straße einem Kind begegnete, ein schlechtes Gewissen hatte. Ich habe mir natürlich gesagt, dass es nur eine Rolle war, aber andererseits hat mich die Auseinandersetzung mit der Täterstruktur so verletzt – das heißt, die Erfahrung zu machen, dass es Menschen gibt, die so weit gehen, hat mich persönlich als Mensch so verletzt – dass ich ein schlechtes Gewissen hatte. Und auch einen Schmerz hat es in mir hervorgerufen. Dies loszuwerden, dauerte wirklich lange.



Ist es in Ordnung, gehört es zum Ehrgeiz Ihres Berufsbildes, das zu meistern, oder würden Sie sich wünschen, dass man in solchen Situation begleitet wird?



Interessant, dass Sie das ansprechen. Das fragen mich Freunde oft,  warum wir damit eigentlich so allein gelassen werden. Ich fänd’ es toll, wenn es eine Form der Begleitung gäbe. Natürlich versuchen wir uns als Kolleg:innen gegenseitig zu begleiten, aber diese Möglichkeiten kommen an Grenzen. Auch ist so eine Art von Begleitung keine, die ich meiner Partnerin auferlegen möchte. Es ist ja ohnehin für das private Umfeld schon ein seltsamer Vorgang: Man verabschiedet sich zu Hause, geht in einen Theaterabend rein und kommt verändert zurück. Darüber sprechen, das möchte ich eigentlich nicht, denn es würde mich, da es nicht einmal sondern eher viermal die Woche passiert, seltsam in den Fokus rücken. Also versuche ich, noch ein paar Runden ums Haus zu gehen oder noch ein bisschen Zeit in der Kantine zu verbringen, um ein wenig Abstand zu gewinnen. 



Gibt es aus diesen Erfahrungen heraus für Sie eine Grenze? Figuren, die Sie nicht mehr oder prinzipiell nicht spielen würden?



Das ist eine sehr schwierige Frage. Sie umfasst genauso ethische wie handwerkliche Fragen – zum Beispiel: Wie stellt man Gewalt dar? Darf man Gewalt durch Gewalt darstellen, wo beginnt Gewaltverherrlichung? Wie erzählt man eine Figur? Als wir mit Karen Breece das Stück „Mütter und Söhne“ probten, worin ich einen Neonazi gespielt habe, gab es einen interessanten Moment: Ich habe mich tatsächlich verweigert. 



Es geht um die Geschichte eines jungen Neonazis, der Auschwitz leugnet.



Bei dieser Rolle war die Identifikations- und Charakterarbeit enorm schwer. Ich habe dabei, ähnlich wie bei der Rolle des pädophilen Mannes, von der ich gerade schon erzählt habe, gemerkt, dass ich mich als Schauspieler nicht mehr zur Verfügung stellen sondern die Texte nur vorstellen möchte. Also stelle ich mich fast wie ein Journalist hin und sage, ich erzähle die Geschichte eines Mannes, der sagt, Auschwitz habe nicht stattgefunden. Auf diese Art habe ich das Gefühl, es nicht so leicht in mein Herz hineinzulassen. Bestimmte Sachen kann ich nicht spielen sondern nur vorstellen oder referieren. Ich rezitiere einen Text, mit dem die Zuschauer:innen machen können, was sie wollen, aber ich möchte dazu keine psychologische Haltung einnehmen.



„Mutter und Söhne“ ist angelehnt an eine reale Geschichte aus unserer Zeit. 



Darum war es mir noch klarer, dass ich diese Rolle nicht spielen möchte. Ich möchte dieser Person nicht so viel Verständnis entgegenbringen, dass ich versuche, sie zu verkörpern. Klar, manche Geschichten müssen erzählt werden, aber wenn sie meinen moralischen und ethischen Vorstellungen dermaßen widersprechen, dann möchte ich sagen können, ich gehe auf die Bühne, um zu bezeugen und nicht um zu spielen.



Sie machen die Figur nicht zu einer Kunstfigur, in dem Sinn, dass Sie ihr Ihre Kunst zur Verfügung stellen.



Stellen Sie sich vor, ich würde es machen. So dass man Mitleid mit diesem armen Nazi bekäme: so eine schlimme Kindheit und so weiter. Mitleid mit jemandem, der andere Leute auf der Straße halb tot prügelt, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Das wäre fatal, wenn auch nur ein Mensch im Zuschauerraum denken würde: Ach, das hat Nico Holonics aber schön gespielt, jetzt verstehe ich das.



Man kann ihn ja aber auch so spielen, dass Abscheu vor der Figur entsteht.



Was mir aber auch zu einfach wäre. Dann kann sich der Zuschauer zurücklehnen und sagen: Damit habe ich nichts zu tun. Was nicht stimmt, weil es diese Menschen letztendlich gibt. Und so zu tun, als wären das Teufel, stimmt nicht. Es sind Menschen. Hannah Arendt hat das in „Die Banalität des Bösen“ wunderbar beschreiben: Das sind wir auch, das sind wir als Gesellschaft. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich physisch und seelisch – dass ich mein Herz damit vergiften möchte. Letztlich ist die Auseinandersetzung mit solchen Abgründen eine Vergiftung.



Das gilt doch auch bei einem grauenhaften Mörder wie Richard III., nicht nur bei zeitgenössischen Charakteren?



Letztlich ist das eine sehr ambivalente Sache. Aber es macht einen Unterschied, einen grausamen König zu spielen, der ziemlich weit von unserer geschichtlichen Situation entfernt ist oder einen Neonazi im 21. Jahrhundert.



Kann es auch damit zusammenhängen, wie eine Rolle geschrieben ist, also wie interessant der künstlerische Umgang mit der Psychologie der Figur und ihrem Umfeld ist? 



Das ist vielleicht tatsächlich ein Argument. Je besser ein Charakter in seiner Widersprüchlichkeit und seiner Abgründigkeit geschrieben ist, desto desto. Aber es gibt keine universelle Haltung, die ich mir anziehen könnte. Es hängt von ganz Vielem ab: dem Stück, den Regisser:innen, meiner persönlichen Verfassung. Und das ist dann auch wieder das Tolle an der Kunst, dass sie nicht nach einem bestimmten Schema funktioniert, sondern immer wieder neu austariert werden muss. Wie wir als Gesellschaft ja eigentlich auch.





Biografische Infos:



Nico Holonics studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Daraufhin folgten Engagements am Münchner Volkstheater und den Münchner Kammerspielen, wo er unter Karin Henkel und Johan Simons spielte. Für seine Leistungen wurde er mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Zudem war er als Dozent am Mozarteum Salzburg und an der HfMDK Frankfurt tätig und ist aktuell Dozent an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Er arbeitet nebenbei als Sprecher für diverse Hörbucharbeiten für den Hessischen Rundfunk. Seit 2012 ist er Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt und ab der Spielzeit 2017/18 ist er Teil des Berliner Ensembles. 
︎︎︎ https://www.berliner-ensemble.de/nico-holonics

	&#60;img width="4405" height="6607" width_o="4405" height_o="6607" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/dda9fc95333453a17680e07babd3a9bcdd1c4ab6b02511129eca4fc795e678b5/Text5_02_Hof-Theater_Blechtrommel_foto_Moritz-Haase.jpg" data-mid="110569187" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/dda9fc95333453a17680e07babd3a9bcdd1c4ab6b02511129eca4fc795e678b5/Text5_02_Hof-Theater_Blechtrommel_foto_Moritz-Haase.jpg" /&#62;












Hof-Theater, Blechtrommel ©Moritz Haase




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		<title>Lesen6</title>
				
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Die Ohnmachtsfragmente 1-8 sind im
Zusammenhang der dritten Folge des Gespenster-Podcasts über schwierige Gefühle entstanden.
Für den Podcast haben Sophie Emilie Beha, Nora Haakh, Astrid Kaminski und Seda Niğbolu Stimmen zu Situationen von Machtmissbrauchs- und Ohnmachtserlebnissen
gesammelt. 



Viele unserer Gespräche haben sehr sensible
Themen berührt, so dass wir es zunächst offen gelassen haben, ob wir sie ganz
oder in Teilen veröffentlichen. Einige Gesprächsteilnehmer*innen haben uns
gebeten, ihre Identitäten nicht preiszugeben, andere haben wir bewusst nur off
the record gesprochen, manchen wollten wir mehr Raum geben, als nur die
Abspielzeit für einen raschen O-Ton. Daher sind begleitend zum Podcast die
Fragmente 1-8 sowie Zeichnungen zu nicht benannten Situationen entstanden. 






 




	





































Die Ohnmachtsfragmente setzen sich aus zwei
Teilen zusammen: Der erste Teil ist ein Transkript des Podcastbeitrags der psychologischen Psychotherapeutin
und Juristin Giulietta Tibone, die in München
eine Arbeitsgemeinschaft an der Bayerischen Theaterakademie berät; die Fragmente
2-8 sind Zusammenfassungen von Gesprächen über Macht und Ohnmacht mit Menschen,
die im Bereich der Darstellenden Künste arbeiten. Von allen Gesprächspartner:innen,
auch jenen, die wir anonymisiert haben, wurde die Zusammenfassung der Gespräche
so freigegeben wie hier veröffentlicht.






 








	



















Ohnmacht —&#38;nbsp;Fragment 1



&#38;nbsp;



Die
psychologische Psychotherapeutin und Juristin Giulietta Tibone im Gespräch mit Seda Niğbolu über die Aufgabe der Institutionen, Wege aus der Ohnmacht und zu mehr
Zivilcourage zu finden.



 



„Dass im künstlerischen Bereich Probleme der
Machtausübung sehr häufig sind, hängt auch mit dem Wesen der künstlerischen
Produktion zusammen sowie mit der Tatsache, dass die Menschen, die zum Beispiel
Theaterregisseure oder Dramaturgen oder Maskenbildner sind, oft starke innere
Positionen haben und auch haben müssen, um Künstler zu sein, den künstlerischen
Bereich also intensiv entwickelt haben, darüber hinaus aber nicht unbedingt
sehr aufgeklärt worden sind im Hinblick auf die pädagogische Tätigkeit. Und das
macht es dann schwer, weg aus diesen innerlich starken Positionen zu kommen und
zu reflektieren: Ich muss das anderen etwas beibringen, jedoch auf eine nicht
zu sehr beherrschende Art und Weise und ohne meine Macht zu missbrauchen. Was
manchmal ganz bewusst geschieht, aber – weil das in dem Kontext niemals
thematisiert wurde – oft auch nicht bewusst.




Ohnmacht entsteht, wenn man in diesen
Prozessen zum Beispiel der ungerechten Machtausübung oder Demütigung oder
Entwertung individuell hineingerät. Wenn man in solche Prozesse hineingerät,
hat man individuell zunächst einmal ein Gefühl der Herabsetzung des eigenen
Wertes und auch der Ohnmacht. Damit das nicht entsteht und damit das, falls es
doch entsteht, gelöst werden kann, ist es wichtig, dass man in der Institution
Hilfestellungen finden kann. Diese Hilfestellungen müssen zunächst einmal
vertraulich sein, so dass man über das Gefühl, was durch Ohnmacht entsteht, mit
irgendjemandem sprechen kann und sich klar machen kann, dass es nicht unser
eigener Fehler ist, sich ohnmächtig zu fühlen, sondern ein echtes Problem in
der Realität, und das setzt voraus, dass die Institution es erlaubt, darüber zu
sprechen.&#38;nbsp;




Früher war das oft so, dass die Frauen und
die Männer – viel seltener, aber auch 
Männer – die in diese Prozessen involviert wurden, manchmal versucht
haben, das anzusprechen, aber kein Echo gefunden haben. Und es gab auch gar
keine Struktur, die das aufgenommen hat. Es wurde nicht reflektiert, sondern
blieb dann eine einzelne Meinung. Oft ist einem gesagt worden: Du solltest das
nicht weiterbetonen, sonst ist deine Karriere ruiniert. Du wirst Probleme haben
usw.&#38;nbsp;




Damit diese Ohnmacht sich nicht zementiert, und
die Personen sie nicht als individuelles Schicksal erleben, muss es in einer
Institution also möglich sein, darüber zu reden, dass diese Dinge passieren,
wie sie passieren und was jede und jeder von uns machen kann, um dagegen zu
kämpfen. Außerdem ist es wichtig, dass es auch klare Wege gibt innerhalb der
Institutionen, die einem sagen, wenn du diese Gefühle hast und du dir nicht
sicher bist, was mit dir passiert, aber du fühlst, du bist in etwas, was dir
nicht gut tut, involviert, dann besprich das mit jemandem, der das zunächst einmal
nur mit dir klärt und dir vielleicht hilft, Wege zu finden, wie man daraus
kommt.&#38;nbsp;




Das ist wichtig und dann, wenn diese
Bedingungen erfüllt sind, werden alle Leute mehr Mut haben, sich zu äußern,
wenn sie in diesen Sachen verfangen sind. Denn normalerweise das ist nicht nur
Ohnmacht. Ohnmacht ist ein globales Wort. Das ist sehr richtig für dieses
Gefühl, aber ich muss auch klar machen: Menschen, die Machtmissbrauch in
verschiedenen Formen wie sexualisierter Gewalt, Diskriminierung, Rassismus
erleiden – ich rede jetzt nicht nur von Männern und Frauen, denn das gilt
natürlich auch für alle Diverse, für die es früher gar keine Bezeichnung gab –
diese Leute erleben vor allem zunächst einmal ein ungerechtfertigtes Schuld-
und Schamgefühl.&#38;nbsp;



&#38;nbsp;



Diese zwei Affekte, Scham und Schuld, sind
typisch für traumatische Vorgänge, in denen das Opfer diese Gefühle erlebt,
während die Person, die sie verursacht, dafür nicht sensibel ist. Und es ist
notwendig, dass die Menschen, die das erleben, sich äußern können in einem
geschützten Rahmen, und dass sie diese Mechanismen durchschauen, um die Kraft zu
haben, sich zu wehren. 



 



Das wird immer mehr geschehen, je mehr die
Gesellschaft – wie jetzt mit #MeToo –
darüber debattiert. Aber auch jede Institution muss diesen Weg finden &#38;nbsp;– was in vielen Theatern bereits im Gange ist.
Auch gibt es nun eine zentrale Vertrauensleutestelle für die Theater und auch
für den Filmbereich. Dort kommen inzwischen immer mehr Beschwerden an, weil
diese Sachen, die dort vorgetragen werden, eben passiert sind. Vorab blieben
sie immer im individuellen Bereich und oft wurden sie vollkommen erstickt aus
Angst, aus Nichtwissen, wie man damit umgeht. Vor allem aus Angst vor den
Konsequenzen. 




Was wir individuell leisten können, um einen
Weg hinaus zu finden: Mut ist nötig. Aber Mut wächst nur in Strukturen, die den
Mut unterstützen. Und in denen Debatten über Grenzen geführt werden. Auch von
der Seite derjenigen aus, die Macht haben. Es ist wichtig, zu reflektieren, dass
Theaterregisseur zu sein, nicht heißt, ungehemmt Macht auszuüben, und
vielleicht z. B. sexuelle Beziehungen, die mir passen, mir einzuverleiben. Das
ist nicht meine Funktion als Regisseur. Meine Funktion ist es, ein gutes Stück
zu produzieren. Also die Reflektion muss nicht nur auf der Ebene der Menschen,
die Opfer oder Geschädigte sind, stattfinden sondern auch auf der Ebene derjenigen,
die mehr Macht oder mehr Autorität haben. Dies geschieht nur, wenn in Institutionen
viel mehr in Ruhe darüber gesprochen wird. Das setzt in meinen Augen auch
voraus, dass man zum Beispiel Aufklärungsveranstaltungen für alle Dozierenden
in einem Lehrbetrieb oder alle Angestellten, inklusive aller Leute der Gewerke,
in den Theatern macht, und man darüber frei diskutieren kann. Und dass so die
Leute sich gewiss werden können, was da passiert und was auch in der
Vergangenheit passiert ist. Solche Vorgänge sind oft noch nicht möglich, die
Strukturen noch nicht vorhanden.&#38;nbsp;




Die Leute, die beschuldigt werden, sind in
manchen Fällen tatsächlich zerstörerische Persönlichkeiten, aber oft sind sie
nur Menschen, die weiter so machen wie bisher, ohne reflektiert zu haben, was
da passiert. Sie sind also nicht immer bösartige Menschen, sondern Menschen,
die diese Reflektion nie geleistet haben &#38;nbsp;– so wie die Gesellschaft im Gesamten bis vor
einigen Jahren in dieser Beziehung sehr wenig geleistet hat.&#38;nbsp;




Es ist ein langer Weg. Man muss geduldig sein
und weitermachen. Diese Änderung wird nicht schnell geschehen, weil sie auf
jahrtausendealten Strukturen basiert. Aber sie wird geschehen. Man muss Geduld.
Klarheit und Courage haben. Alle diese Prozesse können auch beschrieben werden
mit dem Ausdruck Zivilcourage auf der Ebene der Institutionen und auf der Ebene
der Einzelnen. Und um Zivilcourage zu haben, muss man sie irgendwo gelernt
haben. Ich bin dafür, dass Institutionen sich stark machen für das Lehren
dieser Verhaltensweisen. Davon können wir alle sehr profitieren.“







	
&#60;img width="562" height="800" width_o="562" height_o="800" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/f2551a44a64763a6adc7eebb13e9107a190e158c2ae63f856bf43a9fde731838/Ohnmacht-1Nora-Haakh-B.jpg" data-mid="110578544" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/562/i/f2551a44a64763a6adc7eebb13e9107a190e158c2ae63f856bf43a9fde731838/Ohnmacht-1Nora-Haakh-B.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net


Ohnmacht — Fragment 2



 



 




Es gab ein Missverständnis in einer E-Mail zwischen
einem Professor und mir, das eindeutig auf seinem Fehler beruhte. Er hat mich
daraufhin im Flur der Hochschule vor ungefähr sieben anderen Studierenden nicht
nur öffentlich zur Rede gestellt sondern auch gedemütigt. Das war ein voll
beabsichtigter Affront. Er ließ dabei keine Diskussion zu, schließlich ging es
nur darum, seinem Ärger genügend Luft zu machen. Außerdem war klar, dass er in
dieser Situation nicht nur als ein Professor, sondern auch als Institutsleiter
auftrat. Also in der Position eines Mannes, bei dem ich noch Prüfungen zu
bestehen hatte, bei dem ich mich eventuell für einen weiteren Studiengang
bewerben wollte, kurz: bei dem ich nicht verkacken durfte. Zumindest, wenn ich
mir mein zukünftiges Studium an der Hochschule nicht verbauen wollte. 



 



Was mir später andere Studierende gesagt haben: Er
weiß, dass er so ist, ein ausgewachsener Choleriker. Und trotzdem lässt er es
zu, ab und zu die Kontrolle zu verlieren. Allerdings nie zu sehr. Er bringt
sich nie in Situationen, die mehr als den öffentlichen Anstand verletzen
würden. Er würde nie tatsächlich physisch übergriffig werden. Die Macht seiner
Hochschule droht er immer nur indirekt an – trotzdem übt er damit auf mich und
andere Studierende einen enormen Druck aus. Gleichzeitig hat er diese miese
Masche, am nächsten Tag anzukommen, einem die Hand hinzuhalten und so zu tun,
als sei alles wieder normal.




Seit diesem Vorfall ist er bei mir absolut unten
durch. Mit der Aktion hat er einfach jeglichen Respekt verspielt. Ich wollte
mir seitdem nie wieder ein Konzert von ihm anhören, obwohl er ein guter,
faszinierender und inspirierender Musiker ist. Manche seiner Konzerte waren
eine richtige Offenbarung. Aber mir wurde klar: Wenn jemand sich absichtlich so
verletzend verhält und das offensichtlich auch mit seinem Selbstbild
vereinbaren kann, dann kann ich diesem Menschen auch keine pädagogische oder
künstlerische Leistung mehr abnehmen.



 



Aufgezeichnet von Sophie Emilie Beha














	

&#60;img width="1500" height="1056" width_o="1500" height_o="1056" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/c3882fab1cd1c9be63d2fbe7c95302616dc2c2fb0602c52b6090a602c2f3285d/Ohnmacht-2Nora-Haakh.jpg" data-mid="110578613" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/c3882fab1cd1c9be63d2fbe7c95302616dc2c2fb0602c52b6090a602c2f3285d/Ohnmacht-2Nora-Haakh.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net



Ohnmacht — Fragment 3



 



 








































Josefina Domin* ist 56 Jahre alt, die man ihr aber
kein bisschen anmerkt. Sie strotzt vor Energie, Tatkraft und Optimismus. Als
junge Frau aber war Josefina sehr schüchtern und musste ihren ganzen Mut
zusammennehmen, um anderen ihre Meinungen und Emotionen zu offenbaren. Wenn der
Mut fehlte, fühlte sie sich schnell ohnmächtig und in ihrer Ohnmacht richtete
sie ihre Wut darüber auf ihre Gegenüber. 



 



Heute ist ihr klar, dass sie auf sich selber hätte
wütend sein müssen. Stumm zu sein, Dinge zu ertragen sei schließlich auch eine
Handlung. Am schlimmsten war es für Josefina, wenn sie das Gefühl der Ohnmacht in
Bezug auf ihren eigenen Körper verspürte – dann wurde sie krank. 



Im Schauspiel ein No-Go. Der absolute Nullpunkt war
dann erreicht, als ihr nach dem Tod ihres Vaters über längere Zeit komplett die
Stimme weg blieb. Josefina war stumm, die Ohnmacht schien grenzenlos. 



 



Mittlerweile hat sie einen anderen Umgang mit sich
gefunden. Sie versucht, ihre Umstände, oder sich selbst innerhalb dieser
Umstände, zu akzeptieren. Recht machen will Josefina es heute nur noch sich
selbst. Das sei schließlich schwer genug. 



 



Aufgezeichnet von Sophie Emilie Beha



 



*Name geändert





















	

&#60;img width="567" height="800" width_o="567" height_o="800" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/6d746bcc9f97a763848d4925fa1807bd25d8e67ed460ad73ee94440ebdb6f719/Ohnmacht-3Nora-Haakh-B.jpg" data-mid="110578735" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/567/i/6d746bcc9f97a763848d4925fa1807bd25d8e67ed460ad73ee94440ebdb6f719/Ohnmacht-3Nora-Haakh-B.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net




Ohnmacht — Fragment 4



 



 




Ich habe in der Welt des Theaters als
Schauspielerin viel Ohnmacht und auch viel Macht gespürt. Und das ist
wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich dieser Welt irgendwann den Rücken gekehrt
habe. 






Macht zu haben und zu fühlen ist eines der
elementarsten Aspekte der Theaterkunst. Oft fühlen sich Schauspieler:innen von
Regisseur:innen unterdrückt. Oft auf eine Art, die ich als emotionale
Ausbeutung bezeichnen würde. Jedoch nicht nur von Regisseur:innen gegenüber
Schauspieler:innen, sondern auch von Schauspieler:innen gegenüber sich selbst. Die
Kalkulation lautet: Wie viel kann oder muss ich von mir, von meiner Seele, von
meinem Körper, von meinem Verstand, von meinem Selbstwertgefühl opfern? Im
Gegenzug bekomme ich für diese Selbstausbeute im besten Fall Achtung oder
Verehrung zurück, dann hat es sich gelohnt. 






Wenn ich mich in die Rolle von Regisseur:innen
hineinversetze, die Schauspieler:innen dazu gedrängt haben, extreme Dinge
preiszugeben, extrem verletzlich zu sein und das dann ausgebeutet haben; im
Gegenzug aber von den Schauspieler*innen Wertschätzung erhalten haben – dann
lautet die Kalkulation ähnlich: Es hat sich gelohnt, ich würde es vermutlich nochmal
tun. 






Das ist ein Paradox in der Theaterwelt.
Künstler:innen wollen gerne verletzlich sein und aus ihrer Komfortzone
herauskommen. Aber wo ist die Grenze zwischen dem einvernehmlich Herausbegeben
und dem Zuviel, der Ausbeutung? Über diese Grauzone wird nicht genügend gesprochen.




Wenn jemand verletzlich vor mir steht, dann
habe ich sofort Macht über diese Person. Und die nicht auszubeuten, das ist
Verantwortung. Diese Verantwortung kann und will nicht jeder und jede
übernehmen.&#38;nbsp;






Aufgezeichnet von Sophie Emilie Beha




























	

&#60;img width="562" height="800" width_o="562" height_o="800" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/b8a02d0338253e086a03763968cc904e9576c7b46b6ba35bcd85be04a25b786f/Ohnmacht-4Nora-Haakh-B.jpg" data-mid="110578809" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/562/i/b8a02d0338253e086a03763968cc904e9576c7b46b6ba35bcd85be04a25b786f/Ohnmacht-4Nora-Haakh-B.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net





Ohnmacht — Fragment 5



 



 




Es mag seltsam klingen, aber ich habe mich wegen Johann
Sebastian Bach ohnmächtig gefühlt. Ich hatte ein Stück geübt, Präludium und
Fuge in D-Dur, BWV 532. Bis dahin hatte ich schon viele schwierige Stücke bewältigt,
aber dieses hat mich wirklich die allergrößte intellektuelle und emotionale
Anstrengung gekostet. Ich habe es einfach nicht hinbekommen. Dabei liebte ich
dieses Stück. Ich liebe es immer noch. Und ich wollte es unbedingt spielen. Aber
ich habe es geistig nicht hinbekommen, es über einen längeren Zeitraum zu üben,
weil jedes Mal mein Gehirn einfach komplett weg war. Das war kein kognitives
Problem – ich hatte das Stück verstanden, konnte es durchanalysieren, sagen,
wie Bach die einzelnen Elemente miteinander kombiniert, was er auf welche Art
und Weise verändert. Aber ich konnte es nicht spielen. 




Es gab diesen einen Tag, an dem ich zwei Stunden
lang mit diesem Stück gekämpft habe. Ohne Erfolg. Ich war komplett leer. Ich
habe mich dann in ein Café gesetzt, einen Tee gekauft und so lange in das Glas
hineingestarrt, bis der Tee kalt war. Das waren mindestens 20 Minuten. Mein
Gehirn war dabei wie völlig ausgeschaltet.&#38;nbsp;



 



Als ich aber am nächsten Tag auf der Orgelbank saß,
konnte ich das Stück auf einmal spielen. Das war wirklich unglaublich.
Offensichtlich waren diese enorme Anstrengung im Vorhinein und mein
ausgeschaltetes Gehirn nötig. Was man daraus vielleicht ableiten kann, ist, dass
man sich der Ohnmacht, auch wenn sie alles überrollt, manchmal doch hingeben
können muss. Dass man sie wahrnehmen muss. Und zulassen, dass man gerade
Ohnmacht fühlt. Denn genau in diesem Moment, indem man das zulässt, begrüßt
oder vielleicht einfach nur geschehen lässt – da passiert etwas.




Aufgezeichnet von Sophie Emilie Beha



































	

&#60;img width="1500" height="1033" width_o="1500" height_o="1033" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/a345c9133616d02362926cba8a5b378d1b45d7b4aeead40548fa4101c475027a/Ohnmacht-5Nora-Haakh.jpg" data-mid="110578845" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/a345c9133616d02362926cba8a5b378d1b45d7b4aeead40548fa4101c475027a/Ohnmacht-5Nora-Haakh.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net




Ohnmacht — Fragment 6



 



 













































































Marie Yan (Autorin, Dramaturgin) 



 




Ohnmacht fühlt sich an wie: Alles, dessen Du
Dir sicher warst, ist plötzlich weg. 



Du dachtest, Du hast was, und puff! - weg.
Funktioniert nicht in diesem Kontext. 




Ich hatte grade so eine Situation, in der ich
mich sehr ohnmächtig gefühlt habe, weil sämtliche Bezugssysteme, mit denen ich
bis jetzt gearbeitet habe, nicht anwendbar waren. Momente kollektiver Ohnmacht,
wenn es nicht gelingt, sich verstehen zu können, wenn man sich gegenseitig im
Weg steht und nicht in der Lage ist, die anderen Perspektiven zu sehen.&#38;nbsp;




Als ich Theatermachen gelernt habe, war das
stark verbunden mit diesem Mythos des demokratischen Raumes: "Wenn wir
gemeinsam im Theaterraum etwas kreieren, praktizieren wir dabei eine Form von
Demokratie, die sich dadurch selbst erneuert". In der Alltagsrealität ist
das allerdings ziemlich häufig überhaupt nicht so, da auch im Probenraum so
viele Machtstrukturen wirken.&#38;nbsp;



&#38;nbsp;



Wenn wir uns alle ohnmächtig fühlen, weil wir
gegen eine Wand gerannt sind und jetzt irgendwie einen Weg finden müssen, einen
Konflikt zu lösen.... sehe ich es im Moment so, dass dann wohl der einzige Weg
raus aus dem Gefühl von Ohnmacht ist, sich darauf zu konzentrieren, was man
gemeinsam will. Auf die geleistete Arbeit und den bereits gemeinsam
zurückgelegten Weg zu vertrauen. Was ist das Problem? Wenn jemand verletzt
worden ist: Was braucht diese Person, um sich mit allen Beteiligten okay fühlen
zu können? Was wollen wir? Und das ist dann in der Situation vielleicht nicht,
die großen gesellschaftlichen Probleme zu lösen – Ost/West, wie funktionieren
Regime der Ausgrenzung jeweils spezifisch, wer hat Recht und wer hat Unrecht –
sondern die Möglichkeit einen sicheren Raum zu schaffen. Das ist gewissermaßen
ein Umweg, um mit dieser kollektiven Ohnmacht umzugehen, und der auch damit zu
tun hat, dass die Zeit, die wir miteinander im Rahmen einer künstlerischen Produktion
haben, begrenzt ist. In meinem aktuellen Projekt in Hongkong ist sie besonders
begrenzt, weil hier ein neoliberaler Kapitalismus herrscht, der aggressiver ist
als alles, was ich bisher erlebt habe: Kolleginnen haben Arbeitstreffen bis 2
Uhr nachts, um über die Runden zu kommen, das ist ganz normal. 




Wenn ich in Bezug auf Institutionen über das
Verhältnis von Macht und Ohnmacht nachdenke, dann fällt mir auf, dass die
Machtmittel von Institutionen nicht nur darin liegen, Dinge zu ermöglichen oder
durchzusetzen, sondern oft auch darin, nichts zu tun. Viele der
Funktionsweisen von Institutionen tragen dazu bei, dass Dinge nichtpassieren. All die Sitzungen und Treffen ohne Ergebnis. Die nicht beantworteten
E-Mails. Die Fragen, die an eine andere Person weitergeleitet werden, die dann
aber auch nicht zuständig ist. So gesehen ist Ohnmacht das: Ich bin auf eine
Handlung von dir angewiesen, du tust aber nichts, und alles bleibt stecken. Die Institution kontrolliert die
Zeit. 




Aufgezeichnet von Nora Haakh








Für
aktuelle Projekte von Marie Yan:



︎ @dialoguesoo.hk



︎ www.marieyan.com



































	

&#60;img width="569" height="800" width_o="569" height_o="800" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/a33488669c9fe8fe59176e8826169d222e8f8938b0197cc7a73ecb496a9913ff/Ohnmacht-6Nora-Haakh.jpg" data-mid="110578899" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/569/i/a33488669c9fe8fe59176e8826169d222e8f8938b0197cc7a73ecb496a9913ff/Ohnmacht-6Nora-Haakh.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net





Ohnmacht — Fragment 7



 



 

































































































Iury Salustiano Trojaborg (interdisziplinärer
Künstler)






 



 























Where I feel Ohnmacht&#38;nbsp;in my body I think has changed over the years. 







I've been living in
Germany now for over 12 years and I've been constantly experiencing it... 



I like the name,
ghosts, it's a wonderful description, because for me it has a lot to do with
invisibility. Quite often I feel invisible here, as if people are not seeing me
or listening to me, so this repetition, this constant sensation of feeling like
a ghost, changed over the years. I think in the beginning I was a lot in my
head because I couldn't understand it, I couldn't believe it – so I was
questioning in my head: is this really happening? I was doubting myself, and
over the years I think it went down to my heart maybe and to my stomach because
then I understood: Yes. My head understood that this is happening and
then the other organs such as my heart and my stomach got squeezed and felt
sick and not well because I had learned: Ah, this is the structure, the
structure works like this, the structure is made to make us feel invisible. 




There is
this standardisation: When Europe is put at the center, anything coming out
of Europe is seen as other, as less. I have a sensation that kindness is quite often confused with stupidity
here. I'm not saying German people are not kind, but I have friends here from
many places out of Germany, out of Europe, and their sensation is similar: When
we come into a new territory we usually try to be kind in the sense of: I'm
trying to accept what is coming, to be thankful and open to the exchange, in my
case always with a smile. Often this kindness is taken as stupidity, as if we
wouldn’t have anything to say, we wouldn’t have the necessary knowledge... 




I'm here to do what I
do not only for myself but also for a group of people who suffer from the same.
With my studies and professional experience as a theatre maker and also by the
means of my life practice, I am bringing a lot: I have lived in 12 cities. I
have had to invent and reinvent myself over and over again. What helps for me
is to focus on kindness and the kind of working environments that are build on
kindness.&#38;nbsp;



 



Aufgezeichnet von Nora
Haakh










































	

&#60;img width="555" height="800" width_o="555" height_o="800" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/a5269221ab2f88d41277fed7a31dd93240244de758055c093a2cfde7e292ffaa/Ohnmacht-7Nora-Haakh-B.jpg" data-mid="110579945" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/555/i/a5269221ab2f88d41277fed7a31dd93240244de758055c093a2cfde7e292ffaa/Ohnmacht-7Nora-Haakh-B.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net







Ohnmacht — Fragment 8



 



 

































































































Natalie Riedelsheimer (Tänzerin) 













 



 










































Ohnmacht assoziiere ich mit einem Gefühl von
Lähmung, von Lustlosigkeit und Energielosigkeit, die die Grundkörperspannung
nach unten abfallen lässt. Spontan würde ich sagen, es hat was mit den Händen
zu tun, die ja eigentlich unser Handlungswerkzeug sind, um in der Welt zu
agieren, zu kreieren, zu kommunizieren, die an Bedeutung, Kraft und Mobilität
verlieren. Eine sehr schlaffe Körperhaltung. Sehr schwer. Ohne Orientierung,
ohne Richtung im Raum.







Als Frau in unserer Gesellschaft ist der
eigene Status oder die Erfahrung, wieviel Raum man kriegt, nach wie vor der
Willkür eines männlichen Blicks ausgeliefert: Was ist Wissen? Was ist Körper?
Was ist Schönheit? Was ist stark? Was ist relevant und was nicht? 






Weil Tanz so körperbezogen ist, empfinde ich
diese Art der Konvention im Tanz als extrem stark. Dieses Auditioning, dieser
Wettstreit, dem man ausgeliefert ist. Und das Muttersein ist darin immer noch
etwas, was schlicht nicht existiert oder nicht existieren kann. Wie halt unsere
Gesellschaft, unser Produktionsdenken, so ist: alles muss möglichst schnell,
möglichst groß, möglichst stark, möglichst jung, möglichst flexibel, möglichst
anpassungsfähig, möglichst viel und lange einsetzbar sein. Diese
gesellschaftliche Prägung drückt sich in der Tanzpraxis extrem stark durch und
der Verschleiß, sowohl psychisch als auch physisch, ist sehr hoch – meiner
Beobachtung nach für Frauen, weil der Druck höher ist, nochmal mehr als für
Männer. Da ist Grupo Oito schon so etwas wie ein Schutzraum für mich. 






Ein Hauptthema der Tanzcompanie Grupo Oito,
mit denen ich seit 12 Jahren arbeite, ist Widerstand und Widerstandsfähigkeit.
Wie viel kann der Körper aushalten? Wo sind meine Grenzen? Wie kann ich meine
Grenzen kommunizieren? Sind die wirklich da oder wie weit kann ich gehen? Für
das Stück "Part of you" haben wir viel mit der Erfahrung gearbeitet,
eingeschränkt zu sein. Wie fühlt sich das an und was für eine Energie wird
dabei im Körper generiert? 




Irgendwann gibt es den Punkt, wo es anfängt,
ernst zu werden, wenn man immer wieder meint, man hat es geschafft und dann
kriegt man es doch nicht hin. Durch die Frustration kommt viel Wut, durch die
Wut aber auch viel Energie, und... irgendwann kommt ein bisschen Panik mit
rein, wenn man das Gefühl hat, es gibt wirklich keinen Ausweg. Dann muss man im
Kopf irgendwie psychologisch was drehen. Also, wenn man nicht mehr wirklich
atmen kann. Das Gefühl von Ohnmacht entsteht ja meistens durch eine – sei es
physische oder psychische – externe Krafteinwirkung oder Grenzsetzung oder
Mauer oder was auch immer, was einen irgendwie innerlich so komplett schwächen
kann. Wenn man dann das Gefühl hat, aufgeben zu wollen, nicht mehr zu können,
braucht man eine Rückbesinnung. Nicht auf die äußere Kraft, die dir sagt, du darfst nicht, du kannst nicht,
sondern eine Innenschau: Ich kann's doch,
ich weiß, dass ich es kann. Daraus kommt dann eine neue Energie, die bereit
ist, weiter zu machen oder eine neue Lösung zu finden. Dann gilt es ruhig zu
atmen und wenn es viele Restriktionen gibt, nicht nur zu gucken, wo es nicht
geht, sondern zu gucken, wo es geht und dort weiter zu machen. 



 



Aufgezeichnet von Nora Haakh


































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&#60;img width="570" height="800" width_o="570" height_o="800" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/10ca0a2f4271b5812d8e0928f970df30bd97ba92dd86f6d0e0de27efef833536/Ohnmacht-8Nora-Haakh.jpg" data-mid="110580003" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/570/i/10ca0a2f4271b5812d8e0928f970df30bd97ba92dd86f6d0e0de27efef833536/Ohnmacht-8Nora-Haakh.jpg" /&#62;© Nora Haakh / gedankenstriche.net







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	</item>
		
		
	<item>
		<title>Lesen7</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen7</link>

		<pubDate>Thu, 24 Jun 2021 05:06:07 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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	7 ︎︎︎

















Wormhole
or fragmented inverted disco ball fallen on the ground but still shining










































A
poem in two parts






by Clay A.D.

	















 

	


	







































































Part
1



 
Though
the lights flicker the body is always there 
Queen
on her throne appears in thin walled apartment 
holds
out a vessel &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; promise of
healing 
in
chipped thrift store mug&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; Its storm season


the
electricity surges again and she's gone 


I sip
her medicine while the neighbor plays top 40’s radio 


sweat
in front of the fan &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; Dip my fingers
into cup to


fish
out ice cubes &#38;nbsp;&#38;nbsp; Nest on the crown to melt


&#38;amp;
read in the kitchen a friend and I painted pastel pink




Its
2am &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; the bloodstream alit like 


the
highway towering over my block &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; Car lights 


through
window draw across walls as if searching for the same thing


again
and again &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; Some answer divined by any
phenomena around


looking
for patterns Who was I reading back
then? 


Anaïs Nin, Silvia Federici, Starhawk,
Osar Wilde


tear
out pages to arrange quotes onto table


Paper
pulp dissolves in spilled coffee &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; words
bleed out



Shoes
off &#38;amp; the body not yet landed after work


all
habits so deep we didn’t notice them called ‘em normal


2011
a fireball &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; did drones
even exist yet? 
When
we were taking the streets did they hover above


watching?
 &#38;nbsp;&#38;nbsp; Or was that a year or two later?


&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; Amongst the violence
there is always beauty


Enter
the van and swing a bat at a ceramic lamp


Party
in warehouse turned into the digestive system


&#38;amp;
watched people fuck on a plush velvet stomach


Cover
myself in mirrors to be a disco ball


&#38;amp;
reflect the world back on itself




False
comfort conceived the body as a punching bag


loose
and gain delusion &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; believed
I had control
Thank God I’m into kink &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; and
prayer now


The
wounds &#38;nbsp; all ten of them &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; back full of swords


They
held their hands over me to do Reiki &#38;amp;


we
mused about ghost scars seen in minds eye


Bruises
faded and metabolised into the bloodstream again




Lemons
on the table &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; I boil pink hotdogs 


in my
pink kitchen &#38;nbsp; shards of mirror
constellate on the table 


Throw
sparkle on the ceiling to compliment my feeling of clinging


to a
small manageable universe &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; 


&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; I
think I remember it was almost morning? &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; 


Edge
on the verge of wisdom &#38;amp; madness in my dreams &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; 


I follow
a woman &#38;nbsp; &#38;nbsp; chasing her long hair through
a circular door 


it
opens over a landscape &#38;amp; we in the clouds


She
gives me a push and I fall





Wake
up spread eagle &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; my hands
outstretched 


clutching
air&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; how do you hold
balance?


Answer:
you let go &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; Invite
shame 


to
your pink stained table &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; 


&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;amp;
talk to them until morning*




 



Part
2







PTSD
is time travel I learned this through dancing Found the wormhole by waving my
arms like a fool Found the portal in a flashback Found you in an old
embarrassing poem Grabbed your curls and dragged you out Come into my life
again and again




Be
your own friend — horizontally ritualise and reconstitute this whole fucking
building Something smells suspect We’ve got demons in the walls of these body cells holding court
They’ve been growing and soon
the replacement service is coming to clean sanctuary for all except the heart



Draw
in straight lines to seem like a normal
guy on the public face while
the interior hosts a rave or wake depending on the day and who you ask Hello!!!
I’m your past pre-trauma
self here to assist however I can’t do much but hide here in your elbows and inner eyelids I’m just a sparkle in your mothers eye
not even a divisible cell yet But I can be recovered despite



Whispering
instructions is the key Is in the stretch and bend You’ve got it baby Its all inside Never
forget each one of us is a universe — planet —
portal — easy to overlook within
all this that we find ourselves in -- but you gotta find the loophole Make a
new family from the other friendly dropped-out disobedience bodies you met at
the club or support group 




Buried
the last ten years cicada style Unearth yourself from yourself when you feel
the others crawling out at the right time The planet Uranus changing signs I’ve got all I need somehow but it’s the challenge of knowing where to
dig up the buried treasure born with



Overhead
clocks sound Begin to question the linear marks of time foregrounding the fact
I’m communion with the dead
Doubt in the system as stands No concept of home or future or fortune




Alone
and focused Flip the pancakes in a repetitive motion that reconstitutes life
reframed as delight not boredom —&#38;nbsp; it’s sorting rather than total change Find transformation in
those things labelled mundane 



I
know you’ll roll your eyes when I say this: 



But its really all about perception



PTSD
is the haunting is the superpower is the ghost in the shell you used to call
the subject but then realised it is a fragmented inverted disco ball fallen on
the ground but still shining Trigger point therapy not about a series of
questions or reconstituting a true linear narrative Its the process of
recording through the body why you only remember the square of light on the
wall from the sunrise 

&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; and why your being clung onto that
light in the first place



 










 

	&#60;img width="708" height="710" width_o="708" height_o="710" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/5ea3a500ea23420af42ba54d10d02c472421752034c7d30646b0d872b16263cf/Text7.jpeg" data-mid="112206147" border="0" data-scale="75" src="https://freight.cargo.site/w/708/i/5ea3a500ea23420af42ba54d10d02c472421752034c7d30646b0d872b16263cf/Text7.jpeg" /&#62;© Clay A.D.







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	</item>
		
		
	<item>
		<title>Lesen8</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen8</link>

		<pubDate>Tue, 13 Jul 2021 06:48:16 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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&#60;img width="3200" height="1026" width_o="3200" height_o="1026" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/286d95f3387686495ac8c4c4aeb43a5256ad8e682aeb29fb5e24dd555bcd159f/Texte8-banner.jpg" data-mid="114241403" border="0"  src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/286d95f3387686495ac8c4c4aeb43a5256ad8e682aeb29fb5e24dd555bcd159f/Texte8-banner.jpg" /&#62;


	



































 







































The following texts came into being as a result of a
workshop about tarot and writing. We used tarot cards, their imagery, and the
archetypes they represent as a way of meaning making. We talked about
landscapes, colours, movements, and symbols and how we relate to them. We
explored how tarot can become a tool for crafting a text, such as a divination
tool, using tarot spreads to build an outline, as visual inspiration, as
content, or by using the archetypes of the tarot as crossroads at which
elements from contemporary reality meet the performance. 



Besides tarot, there was another companion of the
writing process – a talk with dancer/choreographer Anna Nowicka about the
creative process of her new piece Flicker.






 




	





































Ideas were exchanged about moving between darkness and lightness, communal
dreams, and the body as a portal. Through a collective tarot reading we
examined Anna’s piece-in-process, practicing our interpretive skills. The texts
that follow come out of this process, are written by the participants in the
workshop, and all touch Anna’s creative process and the topics that emerged
during the talk with her in one way or another. These are not texts about Flicker, but texts inspired by the ideas
behind the piece and the talk on it. They are texts about process, about
interpretation, about drawing something out of the spaces between what is laid
out before you, what you feel in your body. Seda Niğbolu &#38;amp; Louise Trueheart (Workshop-Inventors &#38;amp;
Editors)






 








	



































My bad relationship with Tarot cards

by Yuko Chigira



&#38;nbsp;
The
first time I used Tarot cards was on a free fortune telling web site. I asked
the Tarot cards on my computer "Does he like me?" again and again, until
I got a good result. This activity became addictive. 



The
editor of a Japanese fashion magazine told me once that most websites of
fashion magazines in Japan rely entirely on advertising revenue from their
fortune-telling pages, which have hundreds of times the traffic of the fashion
pages. The more I click, the more ad revenue it generates, and the more big
data stores information about my interests. There is no mystery, but global
capitalism. Even so, I couldn't stop clicking.



I often asked the Tarot cards on
my smart phone, ''Does my sex friend love me?'' until a card said, "He
wants to get married to you!" Based on the result of the divination, I
went out to see him. After moving to Berlin, I started to understand what I was
doing and started therapy. I was a victim of sexual violence 15 years ago. This
affair altered my brain and caused PTSD symptoms of constant anxiety. My
addictions to the internet and sex were linked to this trauma.



I didn't notice it when I was
living in Japan. Japan's gender gap is ranked 120th in the world and people
accept predominance of men over women. Fifteen years ago, I was told,
"It's not a big deal, it's your fault to be involved with a bad man. Shut
your mouth and forget." Intense fear and shock affect the limbic system
and obscure memories. I had suffered from PTSD for a long time and was
diagnosed with unknown causes even in the department of psychosomatic medicine.
I didn’t realize what my condition was until 2020, through talking to my Berlin
friends.



My therapist told me that
addiction, even bodily harm, such as eating disorders and cutting, can be a
survival tool for some traumatized people. My clicking on fortune-telling sites
might be also a way for me to escape from PTSD symptoms. I haven't completely
recovered from my symptoms yet, but through cognitive-behavioral therapy and so
on, I can deal with it better. 



Interestingly, the research of
trauma care for victims of sexual violence began with the second wave of
American feminism in the 60s and 70s. Early in the 20th century, Sigmund Freud
dismissed many mentally ill women’s descriptions of their experiences of sexual
violence as false confessions and said, "These are the patients'
desires."&#38;nbsp; Also in my case, by
continuing to read articles about the recent #MeToo-movement, I was able to
find out what had happened to me. The movement of society and the state of the
individual mind are clearly linked. I learned in this corona era that people
can touch the shape of one's mind only by connecting with society and others. 



I remembered that recently I
read a book called "The History of Tarot Cards" by a famous Japanese
fortune-teller named Ryuji Kagami. According to the book, Tarot cards
originated from a game in Turkey called "Mamlook" and had no
mysterious meaning before. In the 18th century, the French pastor A. Court de Géblin insisted that Tarot depicted the
mysteries of ancient Egyptian religion, and many European magicians constructed
various mystic logic systems on it. In other words, misunderstanding and
longing for other cultures created Tarot as a fortune-telling method. 
Fortune-telling with people close to you can be relaxing and make unexpected
ideas come to our mind, but now I find more interesting the book's claim that
"the card itself does not contain any secrets or the magic of the
universe." It tells us that historically, human beings always lost their
way in the tremendous chaos of gaps between cultures. As an aside, in the
pre-modern East Asian cultural sphere centered in China, the universe was
determined to consist of five elements called ''Go-gyo'', as opposed to the
four minor arcana in the tarot. It is also familiar to me that in East Asia not
only fortune-telling, but also medicine, directionology, and calendars had been
constructed based on these five principles. Tarot has many quotations from
various cultures which sometimes urge me to think too metaphysically and
confused, not arousing unfettered thought. I might not have the talent of a
fortune-teller.



This creative writing project
recruited participants to use tarot cards to do creative writing for Anna
Nowicka's dance work. I was interested in the intersection of tarot and
performing artworks, and applied to it with an expectation that we would create
some stories or poems with cards in the discussion. However, in the first
online meeting, we didn't have the opportunity to create stories, so we decided
to try to foresee how the choreographer could make good works. Sword 9, Pentacle
6, and Cup 2 were picked up and everyone started to interpret it. I enjoyed it,
but at the same time felt a little perplexed. I'm not a fortune teller, but a
writer. I think tarot cards could be used as a tool to bring in unexpected
creative ideas in unordinary and relaxed atmosphere, but of course the cards
cannot make an artist obey. It reminded me of how performance art has helped me
until now. After lots of hard rehearsals, I sometime felt a sense of security,
like being wrapped by light on the day when we performed with my actors and
staff in a theater. For me, art has been the only shelter that provided me with
the task of connecting with society and others toward a common goal, even when
I suffered from symptoms of PTSD. I was fascinated to drown in chaos by
fortune-telling, but it never gave me a perspective on the world as clearly as art did. The context of the
premodern class-based religious world, with kings, priests, and slaves without
human rights, is in contrast to the idea of modern art, which has been
developed within the context of democratic society. After once using Tarot to
look back on the past, an artist must return to the world of modern art, where
sovereign individuals express themselves in society.&#38;nbsp; 
Of course, I
didn't have to worry about being forced to be a fortune teller without talent
on this project. At the
second meeting, the participants enjoyed reading each other's texts. Some
participants wrote beautiful poems that visualized the writer's world view, and
I got interested in writing poetry. Struggling to write this essay in my poor
English through the new encounters with people, I faced my relationship with
tarot. Curiously, since showing this essay in the second meeting, my addictive
desire to touch the cards has thoroughly disappeared. It is a magic for me.
I still don't know what will happen in the future. I can imagine that the day
before I die, I ask the Tarot cards in my smart phone 1000 times, "Will my
disease get better tomorrow?" thereby contributing to the advertising
revenue of Google and fortune-telling sites. But after my recovery from PTSD I
want to imagine my last day to be more self-confident than that. I hope to meet death without being manipulated by
fortune-telling or others in the future.














	





















The palm
of your hand drawing circles on my stomach by Yon Natalie Mik 







 



For you, mother. Because the weight of your breath became
my karma and the temperature of your skin my resilience. The body you gave me
is traveling today, through different spheres of time, creating a portal to a
place where I can meet with you again. 



Darkness. Then, flickering memories of your touch. I'm lying on my
bed, and you have sat down next to me. You put your hand on my stomach. Warmth.
Soft but firm. With determination, the palm of your hand starts to draw circles
in a clockwise direction. The whole palm stays glued onto my skin. Medium-sized
circles big enough to stroke the entire stomach. Medium-paced movements fast
enough to create a comfortable heat. My feet are dangling from the edge of the
bed, toes praising the perfect rub. Summer heat unfurls from the inside of the
belly button through the limbs and to the hands and feet. The heart is beating
faster but I feel quieter than before. I close my eyes and take a deep breath.
The body fills up like a balloon that gently presses against your palm. I
slowly breathe out. Sherbet orange sunset glow. The hand is still drawing
circles. It puts just enough pressure so that I'm reminded of the stomach pain
that I was complaining about. 



Candlelight. Carried by the flimsy glow of a candle, memories of your
voice are floating through the room. You started repeating a mantra while
drawing more circles on my stomach. My
palm is medicine. I focus on your words. I believe them. I'm only a child,
but somehow, I already know that there is no medicine more powerful than your
hand drawing circles on my body. The mantra seeps into my stomach like ointment
absorbed by dry skin. Coated in satisfaction, I wonder if the pain came because
my body missed your hand. The body giggles. This must have been a sign for you
to stop. I squint my eyes and try to absorb the rest of the warmth. The circles
are still lingering on my body, even after you get up and leave the room. 



Neonlight. Flickering sights of a naked body. The room is faintly
suffused with light that makes my skin look like old meat on sale. I'm lying on
a cold cement floor, slowly twisting like a worm to find comfort, while trying
to ignore the pain growing under my skin. I take a deep breath and put the
imaginary hand on my stomach. Right there, where it hurts. Warmth. Still soft
and firm. The hand starts to draw medium-large and medium-paced circles on my
body, whole palm glued onto my skin. Heat unfurls from the inside of the belly
button, but the circles might have become smaller. Or were they always this
size? Will the day come when I forget the weight of your hand and the
temperature of your skin? I'm afraid that memories have an expiration date. I'm
afraid that one day, I won't be able to revisit them, when I'm lying here, by
myself, with pain. Your palm is
medicine. I tell myself when the lights...



Switch off. Our bodies are distant but I want to remain with you.
Skin on skin. Bodies glued to one another. Hand drawing. Toes dangling. Body
giggling. Hopes give birth to lucid dreams. They bear clear shapes of your palm
drawing perfect circles. I know you have left my side. So, I feel puzzled
because I sense warmness on my stomach. Is this you?














	














The journal of radical presence
by Patrycja Masłowska




 






















I believed
that through this radio different solar systems and galaxies were speaking to
me, crackling and warbling and sending me important information, and yet I was
unable to decipher it. (…) In my child’s mind, I understood then that there was
more to me than I had ever imagined before. And that even if I were to say,
“I’m lost”, then I’d still be starting out with the words “I am”—the most
important and the strangest set of words in the world.&#38;nbsp;Olga
Tokarczuk, The Tender Narrator

 
I seek the answer to the question:



How to show up to the marble of one’s
perception?



How to integrate the fragmented pieces?

&#60;img width="756" height="366" width_o="756" height_o="366" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/3926dcf5f17b0a16f62e29d06fec3098fef7f4474f9b507715bdd3e4e483c128/Unbenannt.png" data-mid="113700333" border="0" data-scale="51" src="https://freight.cargo.site/w/756/i/3926dcf5f17b0a16f62e29d06fec3098fef7f4474f9b507715bdd3e4e483c128/Unbenannt.png" /&#62;



Figure 1 Jacques Lacan, diagram of the
visual field
&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;



Is there a way to delete the judgment of
the image?



Just see



I push through the membrane and long for you
to meet me at the bridge 



Can you touch the fragments of my story? 



The body parts?



 



The flood of intuition forces the
forbidden gate



And for this validation



I’m being watermarked



 



Some of the improved systems are designed



To detect even the most delicate
watermarks.



I was being detected and my profile is
being produced.



 



The human design system chews my natal
data,



Tapping and clicking rhythmically



To the algorithm



0 1



0 The Fool



1 The magician



Finally, digital saliva produces my type:



 
Projector



The projector is characterized as the
guide,



I prefer to think of her as the curator,
as the dramaturg



There is a strong quality of presence to
this type -



A Scorpio kind of focus, I would say



She observes, then she absorbs, observes
and absorbs again



And this pattern flows patiently



Endlessly



Through the dark serpents






The projector is here, she shows up



Present, concentrated painfully,
disciplined in that awaiting solitude



To be recognized and to recognize the
potential of others through the quality of radical attention






First, there must be a meeting, a
crossroad, a moment of recognition



The projector needs to be recognized 






The activation of the projector happens
through the invitation



And it’s this invitation, invocation,
which calls out her powers






I am the projector






Can I manage to delete the judgment of the
image?



Just see



I push through the membrane and long for
you to meet me at the bridge



Can you touch the fragments of my story 



The body parts?



 
I am a lighthouse




The ray of light, its source in the nut of
my skull, passes through my pupil



I’m surrounded by the wild dark ocean,
shades of navy thicken under the layers of disturbed waters



I illuminate a single puddle, very
particular but free from expectations. Single Illuminated paddle tricks my eye
and everything around me darkens even more



I recognize the fear crawling out from the
depths below me



Then I push myself out of my own eye, 



Out through the glossy bell jar full of
eye slime






Now I am the ray 



Sliding down lightly



Who’s eye is it now, the one that I left
behind like an empty eggshell? 



I navigate myself with the e-motion



It pulls for the movement 



It pushes and pulls through the ray 



There is a fear of thickening darkness (0)



And a fear of overtaking brightness (1)



 What
will that light expose if I no longer inhabit the body?



Archetypical void






I ascend just above the cusp of surface






1st house






I am 



the surface, 



I spread my arms and legs and I duplicate,
quadruplicate 



And with my own limbs I form a separate
fractal that lands on the very top of The border to the underwater like a
weightless, long-legged insect






2nd house






Childhood memories (are they mine?)
produce e-motion



I load in the tale






Those were the days, when we were all at sea. It seems like



yesterday to me. Species, sex, race,
class: in those days none of



this meant anything at all. No parents, no children, just ourselves,



strings of inseparable sisters, warm
and wet, indistinguishable



one from the other, gloriously
indiscriminate, promiscuous



and fused. No generations. No
future, no past. An



endless geographic plane of
micromeshing pulsing quanta, limitless



webs of interacting blendings,
leakings, mergings, weaving



through ourselves, running rings
around each other, heedless,



needless, aimless, careless, thoughtless,
amok. Folds and foldings,



plying and multiplying, plicating and replicating.



Sadie Plant Zeros + Ones
 



3rd house






I operate with a new system of
meaning






Now I am simultaneously the surface and
the flake of fractals 



Unravelling the secret order of chaos



I’m floating on the cool murky waters



Staring up to the skyscape soaking with
the ink



Seeing it widely



Observing the transgression of bright into
the spectrum of shades



I watch the bridge between those two.



 Is
there another me under me, too?



&#60;img width="945" height="516" width_o="945" height_o="516" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/8f9fa446295171c10e5a073e85de3e36ebc65355fa4fa5e45d6a08cdf22963b3/Unbenannt2.png" data-mid="113700335" border="0" data-scale="64" src="https://freight.cargo.site/w/945/i/8f9fa446295171c10e5a073e85de3e36ebc65355fa4fa5e45d6a08cdf22963b3/Unbenannt2.png" /&#62;


Figure 5 screenschot from “Ghost in the
shell”



 



The moon made me do it



Stone face



Gives the rest from the light



It’s a darkness that thickens



The black sauce of intimacy



Intimacy from behind the eyelids







	





















Anna rang her bells
by Simo Vassinen 







 



This morning I woke up
at eight o’clock without understanding that the song floating into me was the
song I had installed as the alarm song. My phone lets me pick any song to play
instead of the alarm sound. How clever! This time it was J’ai dormi sous l’eau by Air, which means “I slept underwater,”
and the only lyrics in it are “What a world” and this is what I remember
hearing in my in-between state of sleep and wakefulness. I waited in bed until
it was 8:20 because that’s when the church bells across the street always
chime. What is supposed to happen at 8:20? The church has such a strong
presence in the city, if you listen carefully, and I don’t know if I like it to
dictate my day. Anyways. It took me a while to realize the song was meant to
wake me up. A most tender way to pass through portals is to not realize you are
passing through them. Otherwise the change is too abrupt. 



Sometimes I’m afraid to
fall asleep because I get confused about the inevitable transition it entails.
I lie in bed overwhelmed about whether to go for it or not. I can’t understand
that to willingly change our state of perception is a thing we do every night.
Every night we take the chance of not knowing what pictures may unfold, with
the knowing that the scenography and dramaturgy could be truly ghastly. We walk
in on the guest list, first in line, but we cannot choose who else will be
there. We just don’t know. Sometimes morning brings joyous relief, and waking
up in the middle of laughter is one of the finest human experiences. But
nothing can be known ahead, before the Night starts. We commit to walking into
a theater in the dark and commit to staying through no matter what. 



We can interview
potential performers beforehand, the ones who might be on stage. I mean, we do
this to people around us all day every day anyways. Every phone call with our
mothers is actually an interview about their upcoming work. We can ask the
performers around us wonderful questions, boring questions, and examine how
they interact with matters of the collective and matters of the individual.
From these interviews, we may receive inspirational insight, self-explanatory
comments, all types of chatter about the life of the performer and the ideas
leading to their stagings. If one of these interviews takes place online, as is
very trendy at the moment, you can see how their faces look in the layers of
screen, Zoom, and internet. Anna Nowicka, for instance, showed up on Zoom with
a plant beside her, or kind of half behind her. I liked it, I could focus on something.
This digital manifestation –– perhaps conjured by the light in her room –– made
her face glow with calm, happiness at being heard, willingness to share. I
wonder if she has any unevenness in her face in person because on the screen it
was spotless. I think we had met once or twice at an Uferstudios
dance-something-something, so I am not sure. 



I would like to invite
Anna for dinner at my house. We would talk about wonderful things and I would
see that her face was actually not even at all. It was a trick that Zoom played
on us, a momentary smoothness. It would however not matter because I would have
the balcony doors open with some breeze flowing in, I would serve us white wine
–– chilled Riesling from thin glasses –– and we would first pretend to talk
about art but then talk about our families and fears instead and we would both
be even and uneven. One day I will go to Anna’s show, maybe in Warsaw where I
would happen to be visiting friends and I happily notice that Anna is
performing that very weekend and I take my friends there. 



When she starts the
show, I will remember the talks we had in the summer night and on Zoom and the
cards we pulled in order to pretend to understand her, and then the lights will
go on and we are back to square one, and I need to either sit through it or
wake up, and afterwards I will either see her differently or see her the same.
How can I know that beforehand? 



It’s getting late, I
feel I am late with everything these days. Is Anna ever late? I wonder what
Anna is doing right now. I wonder what song she would pick as a morning alarm
clock, what she thinks about the church, if she actually believes in Tarot or
if it is rather a tool that could be any tool – one of those tools you can pick
to hold and share the responsibility for the decisions we are faced with every
day and every hour. I will send her a card that is blank. It will be so funny!
She receives the card waiting for it to give her a sign, a symbol, and it’s
actually blank! There will be no answer, no tip on how to proceed, except
blankness. No, that would be stupid. I would get so annoyed if someone gave me
a blank Tarot. 



*** 



This morning I woke up
at eight o’clock and I now have a feeling that the church bells didn’t ring at
all. Maybe it’s because we just get accustomed to constants at some point? I saw
Anna’s performance Flicker last week, somewhat accidentally as a
friend bought us last-minute tickets. When I was writing about this
performance, I had not actively understood that I could see it, that I could
just get a ticket and a seat. I had lost track of which conversations took
place in person, with myself, on the telephone, or whether they took place at
all. Whether I danced or watched someone else dance is unclear. 



It was Midsummer’s Eve
and the sun was at its highest that week. I felt a severe sense of pause –– not
unlike during the breath-holding exercises I explored as a means to survive the
year. When you hold your breath, there is a comforting pause in which you can
step outside of your body and look inside yourself from the outside. The
comfort comes from being both full and empty. Anna rang her bells and I heard
them and I heard my own bells in them. 














	


























FROM
THE ARTIST TO THE LOVER
by Rayén Mitrovich







In the middle of
the darkness of the night, "when there is nothing left to ask,” movements
of shadows appear, interweaving with the desire to "be with,” to "be
together,” to be close. 



Intimacy is a desire
that constantly escapes understanding.


Intimacy is an atmosphere that generates elusive
borders.


Soft.



What do these
atmospheres touch? What is intimate for one is at the same time a multiplicity;
we are like nodes of networked relationships paying attention to what intimacy
brings us closer.



 With the creative
process, an intimate bond with the lover.


The creative
process also appears to be a love affair.



 What is intimacy?



Who is the lover?


Who is the artist?



The lover's
discourse is about not knowing but finding the connections that are still in
darkness.


What if I undestand myself as lover instead of an artist?



From this notion of atmosphere,
intimacy appears as a field that does not have fixed or definable limits, but
rather elusive, gaseous flows that are agencized in a performative bond. It
exists, it is produced, it is created, it relates, it expands, it transforms,
through the force of gravity exerted by bodies. Its fluid and expansive edges
actively dissolve boundaries of what seems to be separated. The atmosphere of
intimacy produces relations of proximity, of closeness with what the bodies
attract to "themselves" in a given time and place.



This is a radical
proximity, between bodies, between words, between imaginations, between desires.
Intimacy reveals us.



FOCUS AND ATTENTION
AS A WAY OF PORTALS. MOVING BETWEEN LIGHT AND DARKNESS TOWARDS SOME KIND OF
UNDERSTANDING.



PORTAL 1



She was asleep.
It's hot in Paris, she lives under the roofs. She is without pants. She does
not sleep with the window open, but closes it just before she goes to sleep
because it is noisy in the streets of Paris. She lives alone in an apartment
that is divided into two rooms, she must cross the other apartment to go to her
room or the bathroom, the corridor is shared. She likes to live alone. There is
an idealization of what it must be like to live together. She wants to have a
family, she wonders how to raise a child if she has that experience with living
together, but she thinks that afterwards there are other balances that can be
created, she thinks that we are growing every day, she has some kind of hope.
She wants to have children young, she knows she wants to build something with
him, and a son or a daughter is a plane of collaboration. For her, love is
strictly a feeling. Feelings towards someone and from that person towards you.
It is not a structure or a way of living, rather a personal impetus. It is not
simply love – the act of being together involves many other moments that have
nothing to do with love. She believes&#38;nbsp;that they have to resolve that, that they have to leave space for the intimate
of each other. She believes that
intimacy is the transition between what she is, between what happens in her
body, in her head, and how she expresses herself in the world. The border
between intimate and non-intimate is the decision to express. The intimate is
close to her emotions, to what she feels. Intimate is what she keeps to
herself. Intimate is also how to share what we keep to ourselves, what we feel
does not correspond to the image we want others to have of us. We keep it to be
closer to the person we want to be,
what others think of us. I am the person I open to the world. To open intimacy
is to reveal oneself. SQUARE: we. CIRCLE: what we want them to see of us. SQUARE
OVER CIRCLE: she asks herself how do I
link myself so that there are subtle connections between the square and the
circle? I am the person I open to the world and how I bond refers to how
intimate I can become.



WE NEED TO FOCUS ON
SOMETHING TO SEE. COMMITTING TO MY/OUR INTIMACY.



PORTAL 2



He is quiet. Today
is a day he did not work; he is resting. For him intimacy is different
sections, it is not one. It is a convention. It is not total. It's fragments.
He is not a close person. He feels that the word intimacy makes sense to him
when he feels safe in a place. He thinks that intimacy is situated. Maybe he
just wants to be alone. For him intimacy is being alone and doing whatever he
wants. But in love it's different. He believes that everyone has a different
way of dealing with intimacy. It can be automatic also with some people, when
we know a lot about someone else's intimacy. But to be intimate is to be close.
But he is not that kind of guy. But he is open. For him the shower is something
very crazy, very intimate. When he is with himself in the bathroom, taking a
shower, it is the most special moment. The person in the shower is not the same
person as in real life. He likes to explore that other personality. When he is
naked, in the heat of the water, he speaks different voices, he moves. Everyone
has different shower experiences. But for him it's so special. His hair is
blue, so the water is dyed that color every time he showers. Intimacy is a kind
of freedom. Opening the heart. It can make sense or not make sense. You have to
feel comfortable. Talking, dancing. It is an exposure in front of oneself or
another. There is an intention? He doesn't like showers in the morning, he
likes the night, so he takes showers in the night, after he finishes work at 8
– 9:00 pm, to relax. It's the first moment he talks intimately with someone he
doesn't know personally.



Arranging the body
to the intimate encounter is to become the lover's body, which pays attention
to the present of itself with a continuity into another body. The intimacy
that the lover unfolds is a practice of an active attention. A focus. An openness.



It opens portals of
creation of worlds that I can feel, but the connections are still in darkness.










	





























 






	





	︎︎︎ Texte
	︎︎︎ Bisherige
	Nächster ︎︎︎







</description>
		
	</item>
		
		
	<item>
		<title>Lesen9</title>
				
		<link>https://expanded.dock11-berlin.de/Lesen9</link>

		<pubDate>Sat, 04 Sep 2021 08:09:46 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Dock 11 - Expanded</dc:creator>

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Die folgenden
Texte sind im Rahmen eines Workshops über “Kunst und soziale Herkunft”
entstanden. An zwei Tagen haben wir uns über unsere Erfahrungen mit Klassismus
ausgetauscht. Es ging um versperrte Zugänge zum Bildungssystem, klischeehafte
Darstellungen der „Arbeiterklasse“ in der Kunst, die Verzweiflung darüber, in
einer Erbgesellschaft zu leben oder die fehlende Beherrschung der
gesellschaftlichen Codes in der Kunstszene. Auf einer persönlichen Ebene ging
es vor allem um Gefühle: um Momente von Scham, Wut und Absurdität, die wir als
Frauen in einem klassenorientierten kulturellen Umfeld erlebt haben und
weiterhin erleben. 



 






Dabei wurden
wir durch die Auseinandersetzung mit Autor:innen wie Annie Ernaux, Didier
Eribon und Christian Baron und deren autobiographischem Schreiben begleitet.






 




	





































Eine weitere Inspiration war ein persönliches Gespräch mit dem Choreografen Peter
Pleyer, einem der wenigen Akteur:innen der Tanzszene, die aus der
Arbeiterklasse kommen und dies in ihrer Kunst thematisieren.
Dem Ansatz des
Workshops entsprechend, sind Texte entstanden, die auf autobiographischer
Erfahrung aufbauen. Jede der Autorinnen widmet sich einer anderen
soziopolitischen Facette innerhalb einer klassenorientierten Gesellschaft und
doch scheint es eine Verbindung zwischen den Texten zu geben: ihre Wunden,
Erleuchtungen und ihr abgründiger Humor. (SedaNiğbolu und Sarah de Sanctis, Workshopleiterinnen)






 









Der Tod kostet das
Leben






von Katja Wiegand






Ich erinnere mich an die Hände meines Vaters. Er hatte bei
einem Arbeitsunfall zwei Finger verloren. Immer, wenn er sich danach neue
Handschuhe kaufte, hat er zum Spaß gefragt, ob er einen Rabatt bekommen kann,
da er ja nicht alle Finger vom Handschuh brauche.


Ich erinnere mich, als Kind mit meinen Eltern das Badewasser
geteilt zu haben. Als das jüngste Kind war ich immer zuletzt dran. Bis heute
sagen wir es vorher in der Familie an, wenn wir baden gehen, auch wenn wir das
Wasser nicht mehr teilen. Ich habe früher sehr gern gemeinsam mit meinem Vater
gebadet, weil er mir die Haare viel sanfter als meine Schwester gewaschen hat.
Bei ihr hatte ich immer das Gefühl sie würde mir die Kopfhaut abziehen.


Ich erinnere mich, dass ich mich zu meinem Geburtstag auf
die „richtige“ Cola gefreut habe. Niemand wusste, dass es bei uns sonst nur die
billige Version von Lidl oder Aldi gab.


Ich erinnere mich, dass ich nach meinem Abitur zurück zu der
Schule ging, an der ich zuvor meinen Realschulabschluss gemacht hatte. Eine
meiner ehemaligen Lehrerinnen war erstaunt: So etwas schafft hier kaum jemand.


Ich erinnere mich an meine erste eigene Wohnung in Berlin
Prenzlauer Berg, in der Nähe der Schönhauser Alle. Es war dies die einzige, die
ich mir leisten konnte. Davor hatte ich in einer 6er-WG in Moabit gewohnt. Mein
Vater zeigte mir damals, wie der Kohleofen funktionierte, während meine Mutter
darüber entsetzt war. Für sie war es ein Unding, in der Hauptstadt Deutschlands
zu wohnen und mit Kohle zu heizen. Sie sagte damals zu mir: Du wohnst doch
nicht in Russland! 


Ich erinnere mich, als Kind für mich selbst gekocht zu
haben. Immer nur Fertiggerichte, die mir meine Mutter für nach der Schule
rausgelegt hatte. 


Ich erinnere mich, dass zuhause nie über Politik gesprochen,
aber immer SPD gewählt wurde.


Ich erinnere mich, drei Jahre ist es her: Einen Monat lang
saß ich am Krankenbett meiner Mutter, jeden Tag, und hörte ihr zu, hörte ihren
Geschichten einfach nur zu. Sie hatte viele Schmerzen, viele Ängste – und viele
Geschichten aus Russland zu erzählen. Es gibt diese Momente im Leben, die
wirken wie im Film. Ich sehe meine Mutter vor mir liegen: Kaum ein Teil ihres
Körpers ist unversehrt. Überall stecken Schläuche, mehrere Geräte sind an ihren
Körper angeschlossen. Es gibt ein konstantes Biepen und Rauschen. Unter diesem
Rauschen wirkt das Krankenzimmer abgetrennt von der restlichen Welt. Niemals
war ich meiner Mutter näher als in diesen sterilen fremdartigen Räumen. 


Ich erinnere mich, dass ich schon in der Schule das Gefühl
hatte, mich immer wieder neu beweisen zu müssen. Noch immer denke ich oft, eine
Hochstaplerin zu sein. Noch immer frage ich mich oft, ob ich es mir erlauben
kann, nach meinen Träumen zu leben.


Ich erinnere mich an die stechenden Schläge des Lineals auf
den Hinterkopf im Mathematikunterricht in der Grundschule, wenn wir nicht
aufgepasst haben. Nachdem das rauskam, hörten die Schläge auf. 


Ich erinnere mich an das schmerzvolle Gesicht meines Vaters,
als er seinen Beruf aufgegeben hat. 


Ich erinnere mich an die vielen Bücher, die er mir geschenkt
hat und die ich alle gelesen habe. Die Bücher aus der Schule habe ich nie
gelesen. 


Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen meiner
Deutschlehrerin und meiner Mutter. Sie sagte zu meiner Mutter: „Finden Sie sich
damit ab. Katja gehört auf die Hauptschule. Aus ihr wird nichts.“ Meine Mutter
hat daraufhin erwidert: „Natürlich geht Katja auf das Gymnasium.“ 


Ich erinnere mich an das Foto, auf dem mein Vater mit seinem
ersten Auto zu sehen ist. Er hatte immer nur weiße Autos, weil er fand, dass
sie edel aussähen. Leider waren sie oft einfach nur dreckig.


Ich erinnere mich an meinen ersten Job: Ich habe die Fransen
des Teppichs meiner Großmutter gekämmt, weil ich dann eine Mark von ihr bekam.
Mein Vater sagte immer: Nicht mal der Tod ist umsonst, denn der kostet das
Leben. Meine Eltern haben eine sehr pragmatische Sicht auf das Leben wie auch
auf den Tod. 


Großmutter, es fühlt sich seltsam
an, mich nur noch in meinen Erinnerungen mit dir zu unterhalten. Unsere Familie
lebt jetzt in dem Haus, dass du alleine gebaut hast. So viele Stunden meiner
Kindheit habe ich alleine mit dir verbracht, weil Opa im Krieg verstarb und
meine Eltern den ganzen Tag bei der Arbeit waren. Es gibt einen Ausschnitt in
einer VHS, in dem ich als Baby zu sehen bin. Meine Schwester trägt mich herum
und alle in dem Video sprechen russisch miteinander. Deine Stimme ertönt aus
der Ferne und du rufst nach mir und nimmst mich auf dem Arm. Deine Stimme ist
die einzige, die ich aus dem Video verstehe.








	
&#60;img width="724" height="1086" width_o="724" height_o="1086" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/13ebb903a70ceeb8b953eb5e893443e576cf13440f9639c4cdbe760a1499aaa6/F4B5BA56-3872-46D2-8DC6-938813AA01C1_1_105_c.jpeg" data-mid="118066098" border="0" data-scale="66" src="https://freight.cargo.site/w/724/i/13ebb903a70ceeb8b953eb5e893443e576cf13440f9639c4cdbe760a1499aaa6/F4B5BA56-3872-46D2-8DC6-938813AA01C1_1_105_c.jpeg" /&#62;Peter Pleyer featuring David Wojnarowicz. © Ludger Storks


	“Sobald
ich darüber schreiben kann, betrifft es mich nicht mehr –





von Janis Jirotka



&#38;nbsp;




















ich bereue es, „Rückkehr nach
Reims“ gelesen zu haben. es stellte eine Distanz
zwischen dir und mir her &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; 
von
der nur ich weiß.
denke ich. 




ich bereue nicht. eigentlich nie. aus Fehlern lernt man. 


es macht dich stärker. nicht viel zu haben 


hat dich stärker gemacht. 


 &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; nein.


 das
war lange m/eine Erzählung.
 &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;
jemand sagte einmal zu mir,
etwa so:&#38;nbsp;‚deinem
Gesicht sieht man an, 


dass
du aus einem behüteten Elternhaus
kommst, geh mal in den Wedding,
da sieht&#38;nbsp; 


 man
den Menschen ihre Armut an.‘

und machte dabei eine Kreisbewegung
um die Nase



keine Plural-Eltern. kein Haus.



Didier Eribon
schreibt in „Rückkehr nach Reims“, dass seine Mutter das Buch nie lesen wird,
weil sie es nicht verstehen würde. Verstehen meint viele Dinge. ich will nicht
verstehen, dass eine Mutter sich nicht für das Buch ihres Kindes interessieren
würde. und doch weiß ich, was er meint.



das Buch hat einen
Klassenabstand zwischen mir und meiner Mutter hinterlassen. natürlich gab es
ihn bereits davor
aber
mein Mitleid nicht.



du bist, wo
ich herkomme.



als du mich einmal fragtest, was Feminismus sei, wurde ich
wütend. ich war enttäuscht und antwortete dir nicht. weil du für mich dieFeministin schlechthin bist. 




Sozialwohnung,
zwei Kinder und Ausbildung zugleich.




und weil ich die Umkehr der Dinge, dass die Mutter von der
Tochter lernen möchte, nicht akzeptieren konnte in jenem Moment.




Eribon ist so alt
wie meine Mutter, sie teilen eine Generation. ich teile mit ihm eine kulturelle
Generation. ich teile mit ihm ein Weggehen: vom Land, vom Klassenhintergrund.
wir gingen weg. 



 er kehrte nie
zurück, bis sein Vater starb. 



ich kam immer
wieder und immer wieder mit neuen Sprachen.




‚du
redest doch so, weil du etwas
Besonderes
sein willst‘



sagte jemand zu mir.




jaro heißt Frühling 
und práca Arbeit. 




du warst Lokführer.
Fensterputzer. Hausmeister. Holzfäller. Sportlehrer. Spitzensporttrainer.
Betreiber eines Fitnessstudios. du warst Holzfäller. Zimmermann. manager eines
organic health stores. zuletzt: farmer. 


du gingst fort. 




erst 


Westdeutschland 


weiter weiter weiter 


Westkanada 
 &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; du
kamst nicht an. 
ich teile noch
etwas mit Eribon: einen Vater, den es nicht mehr gibt. der auch nicht wirklich
da war. mein Vater ist immer wieder existenziell gescheitert. es ist kein
persönliches Scheitern




sondern
eines im Kapitalismus.




ob sich Existenzangst
vererbt? 




sie schreibt: unsere Körper
erben die Möglichkeiten dessen, was


sie erreichen können
“our bodies inherited
what
is possible for us to reach.



sie
schreibt sich ein.




beide haben
immer gearbeitet


ich stehe in einem Gegensatz
dazu


mit einem Schuldgefühl 


da.




Eltern die für uns, für sich,
Freiheit wollten. hart arbeiteten. in neuen Ländern neu anfingen.
&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; damit
wir es besser haben als sie




welche Möglichkeiten wir auch haben 
&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; – wegen
ihnen –
&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; wir
haben es besser. 




 stehen wir
in eurer Schuld?


ich habe tatsächlich Schuld/en
bei dir. 



 die rechne ich auf in Arbeit


Stunden


deine Körperarbeitsstunden. 


die dich müde machen


die dich alt machen


mit Anfang,
Mitte –




zwar ist dein Geld bedingungslos


aber nichts ist


bedingungslos 


innerhalb dieses Systems


zumindest ein schlechtes Gewissen 



muss dafür bezahlen.




warum sollte unsere Beziehung materiell bestimmt sein? 




und ich in
d/einer Schuld stehen? 




es ist das gesellschaftliche System 


das uns in dieses Verhältnis zueinander setzt


zu der Person, die um 4 Uhr morgens aufsteht


um um 5 Uhr morgens 


die Straße 


vor meinem Fenster 


mit der Kehrmaschine 


zu 


– bearbeiten.




wir messen uns gegenseitig 


an unserer Leistung


an dem was wir aufopfern


unsere Körper


die jeden Tag aufstehen


in vielfältigen Choreografien


die immer gleichen 


abweichenden


Tätigkeiten 


ausführen


die Geld nach Hause bringen


die müde sind


die immer wieder sagen


ich komm doch nicht mehr


ich habe heute den ganzen Tag 




– gearbeitet.




ich sch/reibe mich auf zwischen Kunst und Kulturszene,
Klassismusdiskursen en vogue und Klassenbiografien, Nebenwidersprüchen und Nebenschauplätzen.




ein anderer schreibt, warum



“die Anliegen weißer Männer als ökonomisch gelten, 


während alle anderen
sich angeblich nur über ihre 
Gefühle
austauschen.




Eribon sucht nach
Ursachen der neuen Wahlverwandtschaften ehemals kommunistischer Arbeiter_innen,
die linke und die rechte Erzählung hat zuweilen den gleichen Feind. nur, dass
die rechte Erzählung sich einkauft&#38;nbsp; in
menschenverachtende Trennungsphantasien. 




die&#38;nbsp;weißen Arbeiter_innen begehen Klassenverrat.




&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; die
Erzählung ist auch die




der Frauen* deren Körper erst
enteignet


bekämpft, für unproduktiv, wertlos
[nicht wertschaffend] aber doch reproduktiv, als Klasse, ausgebeutet


dann kommerzialisiert wurde. heute
sind wir es, die vom
System als Frauen arbeitsgeteilt,
ausgebeutet werden – 


Produktivkräfte.




die Erzählung ist einfacher 


wenn ich sie auf andere schieben kann
die mir etwas wegnehmen wollen.



 handelt es sich um eine einzelne Verrücktheit 


eines einzelnen Kapitalisten


oder des bösen Westens




nein
 
ich leih mir was aus: &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; “mein
halbes Leben habe ich mich
durchgebissen,
&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; um mir ein Haus zu leisten, 
 das
ich immer noch abbezahle,
&#38;nbsp; von
dem ich mir immer noch nicht 
 sicher
bin ob es mir gefällt, 
 aber
das geilere Haus konnte ich mir 

&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp; nicht
leisten.




und jetzt kommst du


und sagst mir, dass das alles falsch ist.




wenn es scheint


der Lebensstandard
immer besser wird




einige Gruppen werden


in das System integriert


befriedet


man findet in ihnen 


neue Märkte


neue Konsument_innen


neue Ausgebeutete


neue Ausbeuter_innen 


neue Start-up-Arbeiter_innen


neue Künstler_innen.




deren Arbeit sich nicht wie Arbeit anfühlt&#38;nbsp; –



&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp;&#38;nbsp; 
“kommodifizierung der queeren Jugend
als revolutionäre Klasse sich
außerhalb Produktionsprozesse
befindend

ausgerufen

als
Jugendkultur stigmatisiert
ihre
Mode, Kritik und Protest sind

absorbiert




für manche
denn währenddessen
wird es für andere &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;verdinglicht
immer 


– schlechter.



 damit wird es


– objektiv gesehen –


für alle 




schlechter.




die kapitalistischen Produktivkräfte
greifen um 


sich und müssen immer weitere Teile der Erde 


integrieren, ausschöpfen um den Wachstumshunger 


des Kapitals zu stillen


sei es die Verscherbelung der DDR, der billige Lohn 


Asiens, die Wälder Amazoniens 


irgendwann wird nichts mehr da sein 


was den Hunger stillen kann 




was dann?




inwieweit ich
wirklich einen Klassenaufstieg vollzogen
habe bleibt offen. trotz intellektueller akademischer künstlerischer Kreise
bleibt m/ein Lebenslauf verschuldet, prekär, ohne ökonomischen Rückhalt. die
Autor_innen kehren zu ihren Eltern zurück auf der Suche nach der Klassenfrage
und finden den Klassenabstand. 





mein
rückwärtsgewandter Blick bleibt bei der vierten Generation stehen, 


weiter geht’s
nicht. 


der Rest ist
Geschichte.



wir sind ohne
Geschichte. 



irgendwie. 
irgendwie
nicht. &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp; &#38;nbsp;&#38;nbsp;
 “the rich write history.
 the
rest tells stories.



–&#38;nbsp; about
struggle.



wer wagt und
schafft es überhaupt 


den Schritt
aus der Klasse heraus



–&#38;nbsp; und muss dann daraus noch Kapital schlagen und aus Klassenhintergrund
Kunst machen.






ob meine mama diesen Text lesen wird? –



mama,
ich habe 400 Euro mit diesem Text verdient


das
ist fast meine Miete.




dieser Text ist eigentlich in einem Zeitraum
von mehreren Monaten und Schreibphasen 


entstanden, neu collagiert, revidiert,
hinzugefügt, lektoriert worden.

‚‘ anonymisierte Vorannahmen über meine soziale Herkunft




* meint ein zweigeteiltes Geschlechtersystem nach Arbeit im
patriarchalen Kapitalismus,
eigentlich müsste hier stehen: FLINTA* 
(Frauen, Lesben, Inter,
Nicht-Binär,Transgender, Agender)



“sind direkte oder abgewandelte
Zitate und Gedanken, aus dem Zusammenhang gerissen,
kopiert, ausgeliehen, ‚freizügig geplündert‘ und wiederverwertet von




Didier Eribon, Rückkehr nach Reims
Annie Erneaux, Die Jahre
Piratensender Powerplay, Interview mit Eva von Redecker
Emma Dowling, Silke van Dyk und Stefanie Graefe, Rückkehr des
Hauptwiderspruchs?
The Most Dangerous Game, exhibition catalogue HKW
Sara Ahmed, Queer Phenomenology: Orientations, Objects, Others
Silvia Federici, Caliban and the Witch
Ta-Nehisi Coates, twitter post
Eric Hobsbawn, Banditen




und wie immer, 
unzählige Gespräche mit Freund_innen

	&#60;img width="960" height="1280" width_o="960" height_o="1280" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/433a3b6025e09388838789ed6df678d2fdb80fd163902eb798bd138e0c6d4dfe/IMG_1927.jpeg" data-mid="118066115" border="0" data-scale="67" src="https://freight.cargo.site/w/960/i/433a3b6025e09388838789ed6df678d2fdb80fd163902eb798bd138e0c6d4dfe/IMG_1927.jpeg" /&#62;
© aka





































Für die
Kunst leben und nicht von ihrvon Sabine Schmidt



















Die soziale Herkunft definiert in unserer Gesellschaft die Klasse
und die Zugehörigkeit der Menschen untereinander. Das klingt grausam und das
ist es auch. Aber ohne das Bewusstsein von Klasse wäre unsere Gesellschaft gar
nicht begreifbar. Herrschende Zustände und Gegebenheiten lassen sich überhaupt
nur hinreichend erklären, verständlich auf den Punkt bringen, wenn der
entscheidende Faktor soziale Herkunft mitgedacht wird. Von der Identitätsbildung
eines Menschen ganz zu schweigen.



Ohne Sexualität und ohne ein Bewusstsein einer Herkunft, fällt es
Menschen schwer, ein Ich zu konstituieren. Oder, anders ausgedrückt: Sexualität
und (soziale) Herkunft sind Prägungen des Menschen, die er mit seiner Geburt
auferlegt bekommt. Er wird mit Geschlecht und Klassenstatus in eine
Gesellschaft integriert und bekommt dadurch seine Funktion als Subjekt
zugesprochen. Es ist eine Entscheidung, die der Mensch nicht selber treffen
kann – sie wird mit ihm in die Wiege gelegt. Ab diesem Punkt prägt die soziale
Herkunft das Ich eines Menschen und bestimmt den von der politischen
Verfasstheit der Gesellschaft vorgezeichneten Lebensweg. Triumphiert das
Individuum über seine festgelegte soziale Herkunft, befreit sich also durch
Bildung von seiner Klasse, verändert sich seine Identität. Es bildet sich eine
Kluft.



Der lange Weg eines Kinds der Arbeiterklasse in die Institutionen
des 
Bildungsbürgertum



Mein Vater ist gelernter Tischler, wechselte über einen Onkel in
die Automobilindustrie. Vom Tischler zum Kfz-Schlosser. Statt Tische, schraubte
er am Fließband Autos zusammen. Er selber besitzt bis heute keinen
Führerschein. Auch meine Mutter nicht. Meine ältere Schwester machte ihren
während ihrer Ausbildung zur Arzthelferin. Ein Führerschein ist für mich bis
heute immer noch ein Luxusgut. Viele meiner ehemaligen Schulkollegen und
-Kolleginnen haben ihren Führerschein während ihres Abiturs gemacht – nicht
alle haben den von ihren Eltern bezahlt bekommen, viele arbeiteten neben der
Schule bei ihren Eltern oder hatten andere Gelegenheitsjobs. Irgendwie sah ich
während dieser Zeit nie die Notwenigkeit, mein gespartes oder erarbeitetes Geld
für einen Führerschein anzulegen. Wir wohnten mitten in der Stadt, gut
angebunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Heute ärgert es mich schon, dass
mich niemand über die Notwenigkeit der Fahrerlaubnis aufgeklärt hat. Tatsache
ist, dass dieser Lappen für unendlich viele Jobs gebraucht wird,
beziehungsweise dafür Voraussetzung ist. Und ich mittlerweile verstanden habe,
dass die gesellschaftliche Struktur öffentliche Verkehrsmittel hauptsächlich
für eine niedere Klasse vorgesehen hat – unabhängig davon, dass öffentliche
Verkehrsmittel klimafreundlich sind, mehr oder generell in sie investiert und
sie weiter ausgebaut werden sollten. Für Deutsche ist das Auto ein
Prestigeobjekt. Es verschafft Autonomie und ein anderes Bewusstsein der eigenen
Klasse, indem die Angewiesenheit auf öffentliche Verkehrsmittel aufgelöst wird,
und sich die Prestigeobjekt-Eigner voller Stolz von der vorausgesetzten Klasse
abheben können.



Wie meine ältere Schwester – sowie meine Eltern und Tanten – ging
ich auf eine Hauptschule, machte meine Fachoberschulreife, lehnte aber einen
Ausbildungsplatz ab. Ich hatte ein Angebot bei der Bezirksregierung im Bereich
Bürokommunikation. Heute frage ich mich schon, was wäre, wenn ich kein Abitur
gemacht hätte und wie dann mein Verhältnis zu meiner Familie wäre. Mit dem
Segen meiner Eltern ging ich aufs Gymnasium. Ich hatte sie gefragt, ob es in
Ordnung wäre, wenn ich noch weiter zu Hause wohnen bliebe. In dem Moment war es
für sie kein Problem. Ich denke, sie hatten gar nicht verstanden, was dieser
Schritt bedeutete und welche Konsequenzen er für sie haben würde. Erst im
Nachhinein wurde ich immer wieder von meinem Vater gefragt, wie lange ich noch
gedenken würde zur Schule zu gehen, wann ich ausziehen und zu arbeiten anfangen
würde. Meine Eltern und meine Familie hatten gar keinen Begriff für so einen
Werdegang wie meinen. Sie haben gar nicht verstanden, wie anstrengend es für
mich war von einer Hauptschule, wo wir im Kunstunterricht Mandalas ausmalten,
auf ein Gymnasium zu wechseln, in dem Kunst eine Geschichte mit Bildern hatte.



Dasselbe Szenario gab es dann nochmal bei meinem Schritt zum
Studium. Direkt war es kein Problem, aber indirekt war es meinen Eltern doch
lieb, wenn ich endlich mal ausziehen und wie meine Schwester mein eigenes Geld
verdienen würde. Immer wieder wurde ich darauf hingewiesen, dass ich mir doch
endlich eine Arbeit suchen solle. Viel zu spät und mit großer Tragik bin ich –
natürlich ohne irgendein Kapital – mit Mitte 20 von zu Hause ausgezogen und in
eine für mich viel zu teure Wohnung in Uni-Nähe eingezogen.



Hineingerutscht in den Berufszweig der Künste, wurde mir nach
meinem Studium schnell deutlich, dass ich als Kind der Arbeiterklasse keine
Chancen in diesem Berufszweig haben werde. Mir fehlt das Kapital, welches ich
für meine Existenz benötige. Engagements haben in der Regel schlechte
Konditionen und eine schlechte Vergütung. Ferner fehlt mir das Netzwerk, das
viele Kunstschaffenden aufgrund ihrer sozialen Herkunft mitbringen.&#38;nbsp; Oftmals ist selbst das bei Gesprächen zu
Engagements ein Tabuthema. Die Bewerberin soll ja für die Kunst leben soll und
nicht von ihr.



Paradoxerweise hält sich der ganze Bereich um die darstellenden
Künste für sehr sozial, tolerant und aufgeschlossen. Und versucht
diskriminierende Strukturen unserer Gesellschaft aufzudecken und in
künstlerischen Arbeiten zu thematisieren.



Erstaunlicherweise wird über die soziale Herkunft so gut wie nie
gesprochen, vermutlich weil es ein genereller Konsens ist, dass die verachtete
Unterschicht – für die Theater ja immer wieder zugänglich gemacht werden soll –
niemals dort auftauchen wird.














	

&#60;img width="1086" height="724" width_o="1086" height_o="724" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/a574b6681f890c687f15c78965cf3d9244c9bcd6d22a300f98a797b314a45f96/30825570-60CA-4C74-A01F-6D7CECF192A8_1_105_c.jpeg" data-mid="118066084" border="0" data-scale="81" src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/a574b6681f890c687f15c78965cf3d9244c9bcd6d22a300f98a797b314a45f96/30825570-60CA-4C74-A01F-6D7CECF192A8_1_105_c.jpeg" /&#62;
Foto aus „Triton tanzt“ von Peter Pleyer. &#38;nbsp;Szene: „politics of improvisation“ nach Ishmael Houston Jones. © Jens Wazel.


In unserem Bibliotheksschrank im Café EDEN***** in Pankow stehen außerdem drei Romane zum Thema parat:

Angela Lehner „Vater Unser“, Hanser Berlin, 2019
Ocean Vuong: „Auf Erden sind wir kurz grandios“, Hanser München, 2019
Anke Stelling: „Bodentiefe Fenster“, Ullstein 2021 (Verbrecherverlag 2016)Die Präsentation des Textes wurde mitermöglicht durch:

&#60;img width="1323" height="1295" width_o="1323" height_o="1295" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/dd251d6050ab4c19db75df9e1e75e930c554bbe65c9e11dbb1cc9273b3e483e7/BKM_Neustart_Kultur_Wortmarke_neg_RGB_RZ.png" data-mid="125449347" border="0" data-scale="15" src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/dd251d6050ab4c19db75df9e1e75e930c554bbe65c9e11dbb1cc9273b3e483e7/BKM_Neustart_Kultur_Wortmarke_neg_RGB_RZ.png" /&#62;&#60;img width="1944" height="832" width_o="1944" height_o="832" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/b7bdaa553bb61cbab01d0f6475b763de71670cc136bcca47bf4b888a9a0e5cbf/BKM_2017_Office_Farbe_de.png" data-mid="125449345" border="0" data-scale="33" src="https://freight.cargo.site/w/1000/i/b7bdaa553bb61cbab01d0f6475b763de71670cc136bcca47bf4b888a9a0e5cbf/BKM_2017_Office_Farbe_de.png" /&#62;&#60;img width="282" height="141" width_o="282" height_o="141" data-src="https://freight.cargo.site/t/original/i/2414664c6b529ae78f44bdd21983ba2274712ab92f4562f760bbeee9d9784bbc/Logo_DTD.png" data-mid="125449346" border="0" data-scale="33" src="https://freight.cargo.site/w/282/i/2414664c6b529ae78f44bdd21983ba2274712ab92f4562f760bbeee9d9784bbc/Logo_DTD.png" /&#62;






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